Bulle & Bär
Schwellenländer: Neue Umlaufbahnen

Elf Prozent der Deutschen glauben, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Das ergab eine Allensbach-Umfrage vor einigen Jahren. Ähnlichen Fehleinschätzungen unterliegen viele Menschen heute noch in ihrer globalen Sicht: Hier kreisen arme Dritte-Welt-Länder weiterhin um die vor Kraft strotzenden Industriestaaten.
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FRANKFURT. Das ist ein Irrtum. Die Schwellenländer rücken nach vorne. Manche Experten würden sogar sagen: auf Initiative des Westens. In dieser Sichtweise war es letztendlich der ehemalige Chef des US-Notenbank, der den Entwicklungsländern Macht verlieh. Nach dem Platzen der Aktienblase im Jahr 2000 wollte Alan Greenspan ein Abrutschen in die Rezession verhindern. "Easy Al" öffnete die Geldschleusen, senkte die Zinsen rapide. Das billige Geld kreierte den ungesunden Häuserboom in den Vereinigten Staaten, die darauf aufsetzenden Exzesse mit risikoreichen Finanzinstrumenten und natürlich den Konsumrausch seiner Landsleute.

Die Konsumfreude animierte Unternehmen, noch mehr zu produzieren und Produktion der Kosten wegen noch stärker nach China und Indien auszulagern. Von Rezessionsängsten war bald keine Rede mehr - im Gegenteil. Der mit Minizinsen fit gespritzte Konsum in den Industriestaaten half die Dritte Welt in Emerging Markets zu verwandeln, in aufstrebende Schwellenländer.

So bescherte die lockere US-Geldpolitik insbesondere den Vereinigten Staaten eine Kreditkrise, Milliarden von Menschen in den Schwellenländern dagegen einen historisch einmaligen Aufschwung. Ganz nebenbei reanimierte der Konjunkturschub einen Sektor, der nach zwei Jahrzehnten Preisverfall im Bewusstsein von Firmenlenkern und Analysten gar nicht mehr existierte: den Rohstoffbereich.

Die Ressourcenpreise begannen zur Jahrtausendwende zu steigen. Der Boom hält bis heute an. Er produzierte die "neuen Reichen", die dank ihres Rohstoffreichtums die Einnahmen vervielfachen konnten und in die Weltliga der Mächtigen aufzusteigen begannen. Es geht um die Golf-Anrainerstaaten, um Länder wie Russland oder, in kleinerem Maßstab, auch Venezuela oder Brasilien. China und Indien spielen hier wegen ihrer Lohnkostenvorteile ganz oben mit.

Während früher die Entwicklungsländer von den Hilfen der Industriestaaten abhängig waren, ist es heute umgekehrt. So genannte Staatsfonds, oft gespeist aus den Rohstoffeinnahmen der jeweiligen Länder, gehen rund um den Globus auf Einkaufstour, helfen sogar angeschlagenen Banken aus der Patsche. Die wirtschafts- und machtpolitischen Umlaufbahnen verändern sich: Im 21. Jahrhundert beginnen die Industrieländer um die aufsteigenden Emerging Markets zu kreisen. Das ruft nach Depotveränderungen. Bisher haben die Deutschen lediglich einen einstelligen Prozentsatz ihres Aktienfondskapitals in breit anlegenden Emerging-Markets-Portfolios investiert. Das ist zu wenig.

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