Bulle & Bär
Schwellenländer sorgen für neue Börsenphysik

An Experten ist kein Mangel, schon gar nicht an selbst ernannten. Das gilt auch für die Finanzszene. Der Anleger erstickt geradezu in einer Flut von Meinungen und Prognosen, auch aus weniger berufenem Mund. Die Halbwertzeit der Äußerungen unterschreitet manchmal sogar die Lebensdauer schnell zerfallender radioaktiver Teilchen.

FRANKFURT. Wenn Investoren langfristig haltbare Anlageentscheidungen treffen müssen, führt unkritisches Vertrauen in Prognosen zu teuren Fehlern. Diese Einsicht macht Prognosen nicht überflüssig. Vorstellungen von der Zukunft liefern Planungsgrundlagen. Aber eine gesunde Portion Skepsis gegenüber Ratschlägen und Ausblicken ist unverzichtbar.

Die Geschichte bietet eine reiche Auswahl fundamentaler Fehlbewertungen - auch jenseits der Börse. Es gibt keinen Grund warum jemand einen Computer zu Haus haben will, meinte Ken Olson, Gründer der Computerfirma Digital Equipment im Jahr 1977. Das war weit an der Zukunft vorbei. Vor zwei Wochen trafen sich Leinwandstars wie Sean Penn und Sharon Stone beim jährlichen Filmfestival in Cannes. Man kann sich kaum vorstellen, dass der von der Stummfilmära geprägte Gründer des Filmkonzerns Warner Brothers im Jahr 1927 fragte: Wer zum Teufel will Schauspieler sprechen hören?

Die Börsianer können in Sachen Realitätsverlust und Prognosequalität locker mithalten. Vor einem knappen Jahrzehnt waren alle Firmenideen rund ums Internet und High-Tech hip. Experten empfahlen Aktien ohne Rücksicht auf die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells - bis der damalige Neue Markt ganz alt aussah. Die T-Aktie steht heute für Geldvernichtung und Skandale.

Bei Rohstoffen ist das Bild nicht anders. Vor fünf Jahren bei einem Ölpreis von rund 35 Dollar je Barrel beruhigten Fachleute aufgeschreckte Beobachter mit Kommentaren wie: Darin sind fünf oder mehr Dollar Irakprämie; der Preis wird wieder fallen. Es stand die Invasion des von Saddam Hussein regierten Landes bevor. Jetzt strebt Öl Richtung 140 Dollar. Niemand spricht mehr über einen zweistelligen Preis.

Gegen Ende vergangenen Jahres erwarteten die Banken zum Ultimo 2008 im Schnitt einen Dax-Stand von knapp 8 600 Punkten, einen Euro bei 1,40 Dollar. Die derzeitigen Stände sind weit davon entfernt. Das scheint die Vorurteile über schlechte Prognosequalität zu bestätigen - auch wenn erst die Hälfte der Zeitstrecke bis zum Jahresschluss zurück gelegt ist.

Eines der wichtigsten Anlagethemen verliert sich dagegen bei Prognostikern immer noch als kleiner Punkt auf dem Radarschirm. Es geht um die Veränderung der globalen Gravitationskräfte: die Industriestaaten werden schwächer, Schwellenländer und ressourcenreiche Regionen stärker. Das muss die Vermögensstruktur widerspiegeln. Auch wenn gängige Umfragen weiterhin von Dax, Dow und Dollar beherrscht werden: Die Zukunft, auch die des Depots, liegt jenseits der Grenzen von Alter und Neuer Welt.

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