Bulle & Bär
Sell in may ...

Der Countdown läuft: Noch vier Handelstage hat der April, spätestens dann wird mit „Sell in may and go away“ eine der ältesten Börsenweisheiten überhaupt wieder mannigfach zitiert werden. Und auch in diesem Jahr wird sie nichts von ihrer Wirkung verlieren.

In der Jahresendabrechnung 2005 wird der Börsenmonat Mai auch diesmal zu denjenigen gehören, die eine unterdurchschnittliche Entwicklung zeigen. Soviel lässt sich auch ohne prophetische Gaben bereits jetzt vorhersagen. Statistisch belegt ist nun mal, dass zahlreiche internationale Aktienindizes in den letzten 30 Jahren im Wonnemonat Einbußen hinnehmen mussten. Beim Deutschen Aktienindex (Dax) waren es seit 1976 beispielsweise im Schnitt 0,14 Prozent. Nicht viel, aber immerhin. Dagegen verzeichnete er in dieser Zeit im April Zuwächse von außergewöhnlich guten 2,17 Prozent.

Erklärungsversuche dafür gibt es viele. Am wahrscheinlichsten erscheint, dass im Mai nach gewöhnlich fulminantem Start ins Börsenjahr eine Verschnaufpause eintritt, die zu dieser Zeit auch ihre Berechtigung hat. Dann ist das erste Quartal sowohl, was die Kursentwicklung als auch was die unternehmerische Entwicklung betrifft, gelaufen. Zeit also für eine erste Bestandsaufnahme, um das, was für das Gesamtjahr vorhergesagt wurde, einer Überprüfung zu unterziehen.

Hinzu kommt der saisonale Effekt. Auch in diesem Jahr wird im Mai nur in einer Woche an fünf Tagen gearbeitet. Dazwischen verkürzen Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag und Fronleichnam jeweils die Woche, woran viele Börsianer gleich Urlaubstage anschließen. Damit nach der Rückkehr keine unliebsamen Überraschungen drohen, werden oftmals vorher noch Gewinne mitgenommen oder Positionen glatt gestellt. Das führt im Handel anschließend zu Lustlosigkeit, geringen Umsätzen. Die Kurse tendieren seitwärts oder abwärts.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt außerdem die Anlegerpsyche. Dreißig Jahre lang Verluste im Mai haben tiefe Spuren hinterlassen. Der Spruch „Sell in may and go away“ hat mittlerweile auch deswegen solche Wirkung, weil er es bis in die Niederungen der Stammtische geschafft. Den Erfahrungen der letzten Jahre zufolge müssen schon außergewöhnliche Ereignisse zusammenkommen, damit der Kreislauf außer Kraft gesetzt ist. Ein Beispiel war der Irak-Krieg, der im März 2003 ausbrach und damals alle Regularien außer Kraft setzte.

Es bleibt allerdings die Frage, warum es die Börse nicht aus eigenem Antrieb schafft, sich aus diesem Kreislauf zu befreien. Sind die Börsen nicht ansonsten immer wieder für Überraschungen gut? Gewöhnlich ja, möchte man entgegnen. Allerdings gleicht gerade in diesem Jahr das Börsenschemata seit Jahresbeginn genau demjenigen, das dazu führte, dass es mit den meisten Kursen im Mai regelmäßig bergab ging: Von den positiven Vorhersagen für das Gesamtjahr hat sich vieles bereits erfüllt und spiegelt sich in den Kursen wider. Von Unternehmensseite als auch von Konjunkturseite ziehen erste Wolken auf, die zur Vorsicht mahnen. Hinzu kommen Unsicherheitsfaktoren wie der weiterhin hohe Ölpreis, der mit Beginn der Reisesaison sicherlich nicht fallen wird oder neue geopolitische Spannungen wie zwischen China und Japan.

Es müsste also etwas Außergewöhnliches und Unvorhersehbares passieren, damit der Mai auch an der Börse diesmal zu einem Wonnemonat wird. Mit Rekordgewinnen der Unternehmen allein ist schon lange kein Aufschwung mehr zu bewerkstelligen. Es bedürfte viel mehr eines kollektiven Zusammenspiels aus Unternehmens- und Konjunkturdaten und von der Zinsseite, gepaart mit einem Überraschungsmoment. Nur das ist weit und breit nicht in Sicht.

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