Bulle & Bär: Seltsamer Überschwang bei der Siemens-Aktie

Bulle & Bär
Seltsamer Überschwang bei der Siemens-Aktie

Wenn eine lahme Ente plötzlich Flügel bekommt und zu einem Höhenflug ansetzt, dann hat sie zurecht Aufmerksamkeit verdient. Seit Jahren hat die Siemens-Aktie, wichtigen Indizes stets hinterherhumpelnd, einen derartigen Aufschwung nicht mehr erlebt.

MÜNCHEN. Einem warmen Regen gleich gingen die Analysten-Empfehlungen in den vergangenen Tagen über dem Papier nieder. Gestern sah sich auch die kritische US-Investmentbank Lehman Brothers genötigt, auf den Zug zu springen. Sie stufte die Aktie von Untergewichten auf Höhergewichten gleich um zwei Schritte hoch und steigerte ihr Kursziel von 80 auf 93 Euro. Zwar konnte das dem Börsenkurs gestern keinen neuen Schub verleihen, doch hat die Siemens-Aktie seit der Hauptversammlung vor einer Woche um gut zehn Prozent zugelegt.

Diese Aufwärtsbewegung verdient Erklärung. Sie ist umso bemerkenswerter, als sie sich vor dem Hintergrund schlechter Nachrichten ereignete: Denn auf dem Eigentümertreffen bekamen Management und Aufsichtsrat nicht nur den Unmut der Aktionäre zu spüren über den Imageschaden, den der Konzern wegen der vielen Skandale der vergangenen Monate erlitten hat. Siemens erhielt zudem pünktlich zur HV für eine Kartellabsprache eine Millionenstrafe der EU.

Umso bemerkenswerter, dass schon Tage vor der HV ein seltsamer Überschwang vom Management Besitz ergriffen hatte. Vor einer Woche dann enthüllte Konzernchef Klaus Kleinfeld sein Überraschungspaket. Von den starken Quartalszahlen sind die Analysten noch heute beeindruckt. Außerdem verkündete Siemens den Teilbörsengang seines Autozulieferers VDO und den Kauf des Softwareanbieters UGS in Amerika, der den Bereich Industrieautomation stärkt.

Das waren Botschaften. Zum einen hat das Management seine Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt und gezeigt, dass es beim Umbau des Konzerns hin zu den Wachstumsbereichen Energie, Gesundheit und Infrastruktur entschlossen weiter geht. Zum anderen belegen die Quartalszahlen, dass Siemens auch operativ in Schuss ist, kräftig und profitabel wächst, neue Kunden gewinnt und Marktanteile erhöht. Dadurch sind die Margenziele, auf die sich Kleinfeld in jugendlichem Übermut schon 2005 verpflichtet hatte, im zweiten Quartal 2007 tatsächlich in greifbarer Nähe. Zudem: Das Joint Venture mit Nokia wartet nur noch auf das Startsignal und sogar die Dauerbaustelle SBS präsentierte schwarze Zahlen.

Die Märkte haben verstanden und den Kurs getrieben. Dem folgten die Analysten, was den Kurs in einer zweiten Welle nach oben trieb. Die 15 wichtigsten Researcher empfehlen das Papier jetzt zum Kauf, dies könnte eine Art historisches Signal sein. Denn nicht nur Siemens sieht im Höhenflug eine nachhaltige Entwicklung. Auch die Analysten glauben, dass der Konglomeratsabschlag, der das Papier so lange zähmte, angesichts der Umbaufortschritte immer weniger zählt. Es scheint also, als würden die Anleger, aller Skandale zum Trotz, an Siemens glauben.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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