Bulle & Bär
Sparverhalten: Schulden statt Eigentum

In 40 Tagen endet ein Horrorjahr für Börsianer: Aktionäre werden die Hälfte ihres Kapitals verloren haben. Nur altmodische Sparer atmen auf. Mit Staatsanleihen, Termingeld und Sparbüchern sind sie fein heraus. Es regiert die pure Angst vor einem Reinfall mit undurchsichtigen und mit Risiken behafteten Anlageprodukten.

FRANKFURT. Aktien sind genauso out wie Banker. Politiker haben jetzt die Macht. Auf den Bühnen der Fernsehanstalten proben sie ihre ungewohnte Rolle als Retter der Welt. Finanzminister wie Peer Steinbrück haben plötzlich breite Schultern, mutieren zu einer Mischung aus Robin Hood und Zorro.

Anleger bewundern ihre neuen Idole so sehr, dass sie nichts anderes mehr kaufen als Staatsanleihen oder von Vater Staat garantierte Einlagen. Der Glaube an die vor einem Jahr noch belächelten Politiker hat sektenartige Züge angenommen. Anders ist es kaum zu erklären, dass der Run auf Sicherheit im Land von Bush und Bernanke bei kurzfristigen Staatstiteln zeitweise negative Renditen produzierte. Ein- und dreimonatige T-Bills wurden dabei ohne Zins und unter Nominalwert begeben. Extreme Nachfrage jagte jedoch die Kurse über den Tilgungswert. Anleger haben für die teuren Papiere mehr Geld eingezahlt als sie am Ende wieder zurückbekamen. Das war so ungewöhnlich, dass manche die Nachricht für eine Falschmeldung hielten.

Das "Ja zur Anleihe" und "Nein zur Aktie" ist bizarr: Wir kaufen inbrünstig unsere eigenen Schulden, und wir verkaufen Eigentum. Es hat den Anschein, als würde es in der Post-Finanzkrisen-Welt nur noch den Staat geben, aber keine Unternehmen mehr. Das ist unvorstellbar. Auch morgen werden Firmen Produkte entwickeln, investieren, Mitarbeiter einstellen, Löhne zahlen, Erträge erwirtschaften - und ihre Aktionäre zufrieden stellen. Diese Produktivität kann eine politische Institution nie erbringen. Kein Aktionär würde eine "Staat AG" kaufen.

Es ist möglich und vielleicht wahrscheinlich, dass die Kurse noch weiter fallen. Aber solche Überlegungen spielen für eine langfristige Anlageentscheidung keine Rolle. Wer auf Sicht von zwei oder drei Jahrzehnten den Lebensabend sichern muss, kann erste Käufe wagen. Aktien sind um die Hälfte billiger als vor einem Jahr. Mutige sollten sich von den täglichen Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft nicht ablenken lassen. Mit Blick auf kursierende Untergangsprognosen sei ein Exkurs in die deutsche Geschichte erlaubt: In den härtesten Zeiten sicherte Eigentum an Produktivkapital das Überleben, während Zinsanlagen verfielen.

Die psychologische Hemmschwelle vor einem Einstieg ist die eine Sache. Verhinderungspolitiken der Banken sind die andere Sache. Banken brauchen in der Krise Cash. Deshalb locken sie mit hohen Tages- und Termingeldzinsen von über fünf Prozent. Wenn Kunden ihr Geld über Sylvester hinaus parken, haben sie das Nachsehen. Im neuen Jahr tritt die Abgeltungsteuer in Kraft. Dann werden bei Neukäufen Kursgewinne von Aktien und Aktienfonds besteuert. Der Countdown für Aktienkäufe bis zum Jahresende läuft: noch 40 Tage.

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