Bulle und Bär
Staatliche Abzocke

Kabarettisten würden der Politik wohl attestieren, die Entscheidung zur Einführung der Abgeltungssteuer sei von keiner Sachkenntnis getrübt gewesen. Tatsächlich behindert die Steuer den Kapitalaufbau zur Altersvorsorge. Und sie dürfte dafür sorgen, dass in Zukunft die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer wird.

FRANKFURT. Die Abgeltungsteuer kommt. Die Politiker haben sie Anfang November für gut befunden und beschlossen. Deren Entscheidung ist allerdings von keiner Sachkenntnis getrübt, wie Kabarettisten formulieren würden. Die Wahrheit ist: Die ab 2009 gültige Steuer behindert den Kapitalaufbau zur Altersvorsorge, bestraft individuelle Anlagesteuerung, verschärft die Ungleichheit der Vermögensverteilung und ist ein Förderprogramm für die gut Betuchten. Ganz nebenbei verschafft der 25-prozentige Obolus auf alle Kapitalerträge der Anlagebranche üppige Einnahmen und belohnt schlecht arbeitende Vermögensverwalter.

Die Steuer soll einfacher und "gerechter" sein als die bisherige Regel, nach der insbesondere Aktienkursgewinne nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei sind. Langfristiger Vermögensaufbau kommt wegen der hohen Aktienrenditen nicht ohne Dividendenpapiere aus. Vom Erfolg des Aktiensparens kassiert Vater Staat jetzt aber gleich einmal ein Viertel. Das gleiche gilt für Aktienfonds. Die Jungen müssen zwar renditestark ansparen, wollen sie nicht in die Altersarmut fallen. Aber genau das fällt jetzt schwer: Die nachwachsende Generation geht schon mit minus 25 Prozent an den Start.

Fein raus sind die sogenannten Reichen. Besitzen sie große Anleihepositionen, zahlen sie auf die Zinseinnahmen bisher ihren hohen Grenzsteuersatz. In einem Jahr müssen sie nur noch ein Viertel berappen. Für die gut Betuchten ist die neue Regel ein steuerliches Entlastungsprogramm. Sie sind auch nicht auf den Kapitalaufbau mit Aktien angewiesen. Deshalb dürfte in Zukunft die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer werden. Und die hat bereits in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnet hat.

Die Abgeltungsteuer drängt Sparer in breit anlegende Investmentprodukte, die je nach Börsenlage ihre Portfoliozusammensetzung ändern können. Der Anleger wird erst bei Verkauf zur Kasse gebeten. Individuelle Depotsteuerung mit Aktien und Anleihen ist passé, denn bei jedem realisierten Gewinn greift der Staat zu. Das ist auch eine Form der Entmündigung.

So beschert die Steuer durch die erwarteten Milliardenumschichtungen der Anlagebranche satte Einnahmen. Pech nur, wenn der Anleger zwischendurch feststellt, dass der gewählte Vermögensverwalter die Erwartungen enttäuscht und schlechte Leistungen abliefert. Ein Wechsel zu einem anderen Verwalter wird dann mit 25 Prozent Abgeltungssteuer bestraft. Das ist fast ein Freibrief für schlechte Performance.

Der Anleger muss in den sauren Apfel beißen. Er kann höchstens sein Kapital international investieren und es möglichst breit streuen. Wer Vermögen erst aufbauen muss, dem hilft auch das nicht.

Eine Klage gegen den Staat wegen unterlassener Hilfeleistung bleibt leider Fiktion.

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