Bulle & Bär
Suspekte Weisheiten bei der Aktienauswahl

Seit Jahresbeginn spielen die Börsen erst die Rezessions-, dann die Erholungskarte aus. Doch wer glaubt, daraus Rückschlüsse für das Auf und Ab einzelner Aktien ziehen zu können, irrt. Viel zu selten profitieren konjunkturempfindliche Werte überproportional in Boomphasen und leiden konjunktursensible Titel in Abschwungphasen. Die Realität ist leider komplexer.

Seit Jahresbeginn spielen die Börsen erst die Rezessions-, dann die Erholungskarte aus. Doch wer glaubt, daraus Rückschlüsse für das Auf und Ab einzelner Aktien ziehen zu können, irrt. Viel zu selten profitieren konjunkturempfindliche Werte überproportional in Boomphasen und leiden konjunktursensible Titel in Abschwungphasen. Die Realität ist leider komplexer.

Telefoniert und Strom verbraucht wird immer. Deshalb profitieren Telekommunikationsanbieter und Versorger angeblich im Wirtschaftsabschwung und in Phasen, wenn Investoren die Börsen auf Talfahrt schicken. So weit die Theorie. Doch blicken wir auf die Tops seit Jahresbeginn, dann fehlen dort Werte wie Eon, RWE und Deutsche Telekom. Im Gegenteil: Der Versorger und der Telekommunikationsriese verloren mit 23 Prozent deutlich mehr als der Dax. Er bringt es "nur" auf ein Minus von 13 Prozent seit Anfang Januar.

Umgekehrt lautet die Lehrmeinung, dass im Rezessionsszenario Aktien all jener Unternehmen besonders leiden, deren Produkte die Menschen nicht unbedingt brauchen. Also Autos und hochwertige Konsumgüter. Doch ausgerechnet Volkswagen führt mit 21 Prozent Plus seit Jahresanfang einsam die Gewinnerliste an.

Auch andere Weisheiten fallen beim Realitätstest glatt durch. Der starke Euro benachteiligt angeblich die Aktien jener Unternehmen, die im Dollar-Raum weniger herstellen als sie dort absetzen. Der Grund: Der Umrechnungskurs verteuert die Produkte und macht sie damit weniger wettbewerbsfähig. Dax-Konzerne mit solch ungünstigen Relationen sind BMW, SAP und Thyssen-Krupp. Doch die Kurse der Softwareschmiede und des Stahlherstellers entwickeln sich seit Jahresbeginn mit am besten. Der Automobilhersteller liegt immerhin im Mittelfeld.

Der Gründe für so viel Ausnahmen: Allzu oft verdecken viel wichtigere Unternehmensstorys die oben genannten Konjunktur- und Euro-Effekte. Bei VW ist es beispielsweise der Griff Porsches nach den Wolfsburgern. Das beflügelt den Kurs. Thyssen-Krupp verlor bereits in der zweiten Hälfte 2007 drastisch an Wert, so dass Anleger viele negative Nachrichten in dem Wert bereits "eingepreist" sehen. Ähnliches gilt für SAP. Hier belastet schon lange die Spionageaffäre und die drohende Klage des aggressiven amerikanischen Wettbewerbers Oracle. Daran gemessen spielt der starke Euro keine allzu große Rolle.

Kurzum, Anleger sollten Weisheitsfragen wie "Wer leidet unter dem starken Dollar?" und "Wer profitiert vom Konjunkturaufschwung?" nicht überschätzen. Sie verzerren oft den Blick fürs Wesentliche und lassen kursrelevantere Nachrichten unter den Tisch fallen.

Wer sich wirklich dem Risiko mit Einzelaktien aussetzen möchte, kommt um eine detaillierte Unternehmens- und Bilanzanalyse nicht herum. Solch eine Weisheit mag eine Binse sein. Dennoch behält sie in Auf- und Abschwungsphasen ihren Wert.

sommer@handelsblatt.com

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