Bulle & Bär
Tage des Murmeltiers

Weltweit versinken die Börsen im Chaos. Ganze Volkswirtschaften stehen vor der Pleite. An einzelnen Tagen verbrennen Milliarden. Euro, Dollar, Rubel, Peso, Pfund. Die Untergangspropheten hatten es schon lange gewusst. Sie mussten es nur oft genug sagen, ehe der Niedergang tatsächlich einsetzte. Sie haben die Deutungshoheit übernommen.

FRANKFURT. Angst scheint die Börsen zu zerfressen. Jede schlechte Nachricht, sei sie auch noch so winzig, führt zur Panikattacke. Frei nach dem Motto: schlimmer geht es immer; dann doch lieber alle Aktien verscherbeln.

Dass sich daran schon bald etwas ändert, ist unwahrscheinlich. In dieser Woche könnte es die nächsten Tiefschläge geben. Die US-Wirtschaft ist im dritten Quartal voraussichtlich geschrumpft, eine Besserung nicht in Sicht. Die Auftragseingänge der Unternehmen lassen Schlimmes befürchten. Kein solides Fundament für die kommenden fünf Handelstage.

Auf die Berufsoptimisten aus den Analysten-Abteilungen hört ohnehin niemand mehr. Zu oft mussten sie in den vergangenen Wochen Einschätzungen zurücknehmen und Kursziele senken. Dass der Absturz der vergangenen Monate übertrieben, die bevorstehende Rezession längst in den Kursen berücksichtigt und viele der großen Aktienindizes überkauft seien, wollen die Anleger nicht mehr so recht glauben. Seit Monaten ist das in den Wochenausblicken zu lesen. Das Vertrauen ist zerstört, nichts scheint mehr gewiss. Wem also können die Anleger in diesen unsicheren Zeiten glauben?

In Punxsutawney etwa, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Pennsylvania, vertrauen die Menschen auf ein Murmeltier namens Phil. Einmal im Jahr sagt der Nager das Wetter für die kommenden Monaten voraus – und das vergleichsweise präzise. Vielleicht sollte man Pennsylvania-Phil beim nächsten Mal auch zu den Aktienkursen befragen. Am 2. Februar 2009 wäre es wieder soweit.

Warren Buffett kommt nicht aus Punxsutawney, sondern aus Omaha/Nebraska. Dennoch wäre er ein gutes Murmeltier; in der Vergangenheit waren Buffetts Voraussagen zu den Börsen noch verlässlicher als die Punxsutawney-Phils zum Wetter. Das brachte ihm den Beinamen Orakel. Der Milliarden schwerer Einstieg Buffetts bei der Investmentbank Goldman Sachs vor einigen Wochen taugte dagegen nicht als Einstiegssignal für Anleger. Murmeltier-Warren konnte bei Goldman einige Vergünstigungen rausschlagen. Bonbons sozusagen, die nur bekommt, wer Milliarden Dollar auf den Tisch legt. Buffetts Risiko ist begrenzt, das kleinerer Investoren nicht.

So lange Punxsutawney-Phil nicht zu den Börsen befragt ist, sollten sich Anleger besser auf Dinge verlassen, die auch in diesen Tagen gewiss sein dürften: Mit jedem Punkt, den Dax und Dow verlieren, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Rückschlags. Und: Wo Verkäufer sind, da gibt es auch Käufer. Das Handelsvolumen an den Börsen ist groß. Viele Anleger glauben also, dass es mit Aktien bald wieder aufwärts geht.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%