Bulle & Bär: Technologieaktien
Das Wachstumsdilemma

Es klingt wie ein Hohn: Mit einem erwarteten Gewinnwachstum von im Schnitt zehn Prozent pro Jahr habe der Softwarekonzern SAP gerade noch die Qualifikation für die Kategorie "Wachstumswerte" geschafft, hieß es jüngst in einer Analystenstudie.

DÜSSELDORF. Tatsächlich illustriert kaum ein Konzern derzeit das Dilemma europäischer Technologiekonzerne besser als SAP: Die Umsatz- und Gewinndynamik ist meist nicht mehr hoch genug, um die Titel als klassische Wachstumswerte anzusehen - einerseits. Andererseits treten die Kurse aber seit vier Jahren auf der Stelle, und die Unternehmen sind nicht niedrig genug bewertet, um sie als Schnäppchen zu bezeichnen: Europäische IT-Titel sind derzeit mit dem 13-Fachen, Hardwarekonzerne mit dem 16-Fachen und Softwarekonzerne mit dem 18-Fachen der für 2008 erwarteten Gewinne bewertet. Dem gegenüber stehen nur noch einstellige Wachstumsraten von Umsatz und Gewinn.

Inzwischen mehren sich jedoch Gründe, sich näher mit den seit Jahren verschmähten Tech-Aktien auseinander zu setzen. Aufhorchen lässt, wenn schon eine einfache Heraufstufung - wie in der vergangenen Woche bei der SAP-Aktie - für ein Kursplus von fünf Prozent sorgt. Zudem reagieren die Tech-Titel auf schlechte Nachrichten nicht länger mit Kursabschlägen: Seit Beginn der Berichtssaison zum ersten Quartal 2008 mussten lediglich Banken noch kräftigere Herabstufungen der Gewinnerwartungen hinnehmen als europäische Technologiekonzerne. Im gleichen Zeitraum gehörten Tech-Werte aber zu den stärksten Branchen überhaupt: Nur Rohstoff- und Luxusaktien lieferten Anfang April noch höhere Renditen. Die Bilanz für Technologietitel wäre noch besser ausgefallen, verzerrte nicht das Branchenschwergewicht Nokia das Bild: Seit Quartalsbeginn büßte der Handyhersteller 15, seit Jahresbeginn sogar 35 Prozent an Wert ein.

Zwar wissen auch Roulettespieler, dass vier mal hintereinander "Rot" kein hinreichender Grund ist, nun auf "Schwarz" zu setzen. Nachdem Technologieaktien nun jedoch vier Jahre in Folge dem Gesamtmarkt hinterher hinken, ist auch der Bewertungsabschlag der Technologietitel auf einem 20-Jahres-Hoch. Historisch betrachtet notieren die Titel zudem rund 40 Prozent unter den in der Vergangenheit üblichen Kurs-Gewinn- und Kurs-Cashflow-Verhältnissen.

Zugegeben: Der Vergleich mit der historisch üblichen Bewertung für Technologiekonzerne ist noch immer verzerrt durch die Kursblase der Jahrtausendwende. Doch auch für vorsichtige Anleger sind Index- oder Branchenfonds auf Technologiekonzerne eine spannende Spekulation: Keine andere Branche verfügt gemessen an der Kennziffer des Netto-Cashbestands zum Börsenwert über mehr liquide Mittel. Das sorgt für einen Puffer, sollte im Zuge der Kreditkrise die Bedeutung von Kennziffern wie der Verschuldung oder Barbeständen wieder steigen.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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