Bulle & Bär
Telekom-Aktien: Aus Mangel an Alternativen

Selten waren sich die Analysten so einig. In den vergangenen Tagen hagelt es von allen Seiten Empfehlungen für europäische Telekommunikationaktien. Erst vorgestern stuften die Experten der US-Investmentbank Morgan Stanley den Sektor als „attraktiv“ ein.

FRANKFURT. Zuvor hatten bereits Goldman Sachs, HSBC, Merrill Lynch, JP Morgan und die Deutsche Bank ihren Daumen für die Branche oder zumindest einzelne europäische Telekomkonzerne gehoben.

An den Aktienmärkten blieb das nicht unerhört: Seit knapp zwei Wochen haben Telekomaktien den breiten Markt deutlich hinter sich gelassen. So ist die Aktie der Deutschen Telekom seit Anfang vergangener Woche von zehn auf elf Euro gestiegen, während der Dax rund 250 Punkte nachgab.

Nach fundamental neuen Erkenntnissen, die die plötzliche Beliebtheit des Sektors erklären könnten, sucht man allerdings vergeblich. Lediglich die Nachricht, dass France Télécom die Übernahme von Telia-Sonera abgeblasen hat, kann man als wirklich kursrelevant einstufen – und das im Grunde genommen auch nur für die betroffenen Unternehmen selbst.

Was steckt also hinter dem plötzlichen Comeback der einstiegen Börsenstars, die Anleger in den vergangenen Jahren so enttäuscht haben? Die Erklärung ist simpel: Während viele andere Sektoren im aktuellen Marktumfeld den Investoren – und offenbar auch den Analysten – als unkaufbar erscheinen, sind die Beeinträchtigungen im Telekomsektor sehr überschaubar. So sind die Umsätze des Sektors relativ unabhängig von der wirtschaftlichen Großwetterlage, und auch die Inflation spüren Deutsche Telekom, France Télécom, Telefónica und Co eigentlich nur über steigende Strompreise.

Im Vergleich zu anderen als defensiv eingestuften Branchen haben Telekomaktien zudem einen großen Vorteil: Aufgrund der Kursschwäche bis Ende des ersten Halbjahres sind die Titel sehr günstig bewertet. Das gilt insbesondere für France Télécom und Telefónica, die aktuell zu einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen gehandelt werden. Für den gesamten Sektor hat die Credit Suisse einen KGV-Abschlag von zehn Prozent zum breiten europäischen Markt ausgemacht, zu Versorgern beträgt der Bewertungsrückstand gar ein Viertel.

In den Himmel werden die Bäume für Telekomaktien deshalb nicht gleich wachsen. Die Probleme, mit denen die Firmen des Sektors zu kämpfen haben – rückläufige Umsätze im Festnetz, Stagnation im Mobilfunk, schleppende Entwicklung in Zukunftsfeldern wie mobilem Internet –, haben sich nicht geändert. Nach dem misslungenen Deal zwischen France Télécom und Telia-Sonera könnte zudem die Konsolidierungsphantasie etwas nachlassen.

Unter dem Strich ist die Stimmung für Telekomaktien aber so positiv wie lange nicht mehr. Kurzfristig dürfte die Aufholjagd des Sektors daher weitergehen – und zwar umso stärker, je zurückhaltender sich die Investoren gegenüber anderen Branchen zeigen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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