Bulle und Bär
Terminwirrwarr bei Zertifikaten

Für Anleger, die in den nächsten Wochen Zertifikate kaufen wollen, dürfte der Kalender zum unerlässlichen Hilfsmittel bei der Produktwahl werden. Das jedenfalls suggerieren die Verkaufsbroschüren vieler Banken, in denen es von wichtigen Terminen wimmelt.

FRANKFURT. Hintergrund des Terminwirrwarrs ist die Sonderregelung für Zertifikate bei der Einführung der Abgeltungsteuer. Statt generell ab Anfang 2009 gilt die Steuer für alle Derivate, die nach dem 14. März 2007 gekauft wurden und über den 30. Juni 2009 hinaus gehalten werden. Anleger müssen ihre Zertifikate also bis spätestens 30. Juni 2008 gekauft haben, um Erträge steuerfrei einstreichen zu können. Ansonsten greift noch die Spekulationsfrist von einem Jahr.

Die innovativen Zertifikate-Emittenten haben das Gebot der Stunde erkannt und zahlreiche Produkte auf den Markt gebracht, die Anleger optimal durch die steuerliche Übergangsphase bringen sollen. Den meisten dieser Papiere liegen Express-Strukturen zugrunde. Anders als in der klassischen Variante, die bis zu fünf Jahre läuft und im Erfolgsfall - sprich: wenn der Basiswert an einem der jährlichen Beobachtungstage sein Kursziel erreicht - gegen Zahlung eines Kupons vorzeitig gekündigt wird, sind die Laufzeiten und die Intervalle zwischen den Stichtagen wesentlich kürzer.

Die einfachste, von den Banken zurzeit stark beworbene Variante sind sogenannte Easy-Express-Zertifikate. Hier gibt es nur einen Stichtag vor dem 30. Juni 2009. Liegt der Basiswert an diesem Tag auf oder über seiner Expressschwelle, gibt es den Einsatz und einen fixen Kupon zurück; andernfalls richtet sich die Auszahlung eins zu eins nach der absoluten Kursentwicklung des Basiswertes.

Eine kompliziertere Spielart der Express-Papiere sind "Step-Down"-Zertifikate mit kurzen Stichtags-Intervallen. Bei diesen sinkt die Expressschwelle an jedem Beobachtungstag, so dass ein Erfolg wahrscheinlicher wird. Noch weiter gehen Step-Down-Express-Bonus-Zertifikate: Wenn sie nicht vor dem 30. Juni 2009 gestoppt werden, verlängert sich die Laufzeit in den Juli. Anleger haben dann zumindest den Vorteil, dass sie Verluste mit anderen Kapitalerträgen verrechnen können.

Neben den Express-Papieren mit steueroptimierten Zahltagen haben einige Banken auch Bonus-Zertifikate im Sortiment, die auf die veränderte Gesetzeslage reagieren. Hier erhalten Anleger vor dem 30. Juni einen Bonus, sofern der Basiswert bis dahin nie unter eine bestimmte Kursschwelle gefallen ist. Allerdings laufen die Papiere anschließend noch eine Weile weiter. Anlegern drohen daher Verluste, wenn sie vorzeitig verkaufen.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass steueroptimierte Anlageprodukte nicht selten an anderer Stelle ihre Tücken haben. Eines sollten Anleger jedenfalls immer bedenken: Nicht die Steuervermeidung allein darf den Ausschlag für eine Anlageentscheidung geben, sondern die Renditechance. Wichtiger als ein Blick in den Kalender ist der Blick in die detaillierten Konditionen der Anlageprodukte.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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