Bulle & Bär
Tickets statt Aktien kaufen

Ein Blick zurück – und die Erfolgsstory des Ferienfliegers Air Berlin sieht umwerfend aus. Sie zeigt eine über 15 Jahre kletternde Umsatzkurve, in guten wie in schlechten Zeiten. Als der Tourismus bald nach der Jahrtausendwende zu kriseln beginnt, fliegt Aero-Lloyd in die Pleite, LTU rettet sich nur über Subventionen und Condor muss dramatisch schrumpfen.

FRANKFURT. Air Berlin indes gewinnt unter der Knute des kantigen und kompromisslosen Chefs Joachim Hunold immer weiter an Höhe. Seine Erfolgsgeschichte wird auch dadurch unterfüttert, dass die Konkurrenz inzwischen fleißig bei Hunold abkupfert: Das „Hybridmodell“, der schleichende Wandel vom Ferien- zum Billigflieger, ist eine schlüssige Antwort auf das sich dramatisch verändernde Buchungsverhalten der Urlauber. Dabei sind die im Branchenvergleich sehr niedrigen Personalkosten Hunolds stärkster Trumpf.

Trotz dieser Vorzüge dient die Gesellschaft ihren Eigentümern bislang mehr als Steuersparmodell denn als Gewinnbringer. Die letzten beiden Jahre schloss Air Berlin mit Verlusten ab. Zwar sind rote Zahlen in der chronisch margenschwachen Flugbranche eher die Regel als die Ausnahme; sie trüben Hunolds Börsenstory jedoch ungemein. Weshalb sollte Air Berlin ausgerechnet ab 2006 zur Renditeperle avancieren, wo doch die Konkurrenten Ryanair und Easyjet Hunderte von Flugzeugen bestellt haben und das Problem hoher Überkapazitäten weiter verschärfen? Nicht zuletzt hat Air Berlin selbst 60 neue Airbus-Jets bestellt, die fortan mit Passagieren gefüllt und weitgehend mit dem Erlös des Börsengangs finanziert werden müssen. Dabei hieß es zunächst, dass für diese Milliardeninvestition kein IPO notwendig sei. Der Verwendungszweck sollte bei Investoren auf Skepsis stoßen – genau wie die Tatsache, dass die Altaktionäre einen wesentlichen Teil der Emissionserlöse einstreichen.

Dividende können die Aktionäre bis auf weiteres nicht erwarten – allenfalls die Fortsetzung einer mutigen Expansion, die zunehmend auf den Widerstand des Lufthansa-Konzerns stößt. 350 000 Billig-Tickets pro Monat sind eine Kampfansage, über die sich allein die Kundschaft freuen kann. Air Berlin argumentiert, die Überschneidung zwischen dem Streckennetz des deutschen Marktführers und seinem Herausforderer betrage gerade mal neun Prozent. Dabei zementieren die Konkurrenten in ihrem Billig-Rausch allmählich flächendeckend ein Preisniveau, das keiner Fluglinie mehr ein Auskommen bringt. Es riecht förmlich nach der nächsten Pleite am Himmel über Deutschland. Die Air-Berlin-Aktie ist eine riskante Wette darauf, dass es Hunold gelingen wird, schwächere Mitbewerber aus dem Markt zu drängen und sich auf diese Weise mehr Platz für profitables Wachstum zu erobern.

Auf der sicheren Seite ist der Anleger nur, wenn er statt Air-Berlin-Aktien das ein oder andere Flugticket bei der Gesellschaft bucht. Die Wahrscheinlichkeit, auf der Webseite ein echtes Schnäppchen zu finden, ist deutlich höher als die Chance auf nachhaltige Kurssteigerungen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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