Bulle & Bär
Trübe Aussichten bei Rohstoff-Investments

Nachdem riskante Finanzprodukte an Beliebtheit eingebüßt haben, gewinnen Rohstoffe massiv in der Gunst der Anleger. Doch das Segment ist komplexer als viele denken und führt erst langfristig zu nennenswerten Renditen.
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FrankfurtRohstoffe, so heißt es, seien eine sichere Kapitalanlage. Da die virtuelle Finanzwelt immer mehr Fans verliert, das Substanzwertdenken dagegen Hochkonjunktur hat und wahre Werte gefragt sind, ist etwas dran an dieser These – langfristig zumindest. Auch die Demografie spricht für Rohstoff-Investments. Die wohl weiter wachsende Weltbevölkerung fordert ungeachtet möglicher Effizienzgewinne beim Rohstoffeinsatz mehr Rohstoffe – und zwar sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Aber Vorsicht: Daraus zu folgern, der Rohstoff-Preistrend kenne nur eine Richtung, ist gefährlich. Gerade bei Gold machten Anleger zuletzt diese schmerzhafte Erfahrung. Die Rohstoffwirtschaft denkt langfristig. Anleger müssen daher die Zeitschiene berücksichtigen. Nirgends zeigt sich das so deutlich wie an den Energiemärkten, wo das Erreichen des globalen Förderhöhepunktes – die „Peak-Oil-Theory“ – seit Jahren nach hinten verschoben wird.

Fast unregistriert blieb, dass die USA – über Dekaden hinweg als Energieverschwender Nummer eins getadelt – 2011 zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren zum Netto-Energieexporteur geworden sind. Denn am vom Rohstoff Erdöl dominierten Weltenergiemarkt tut sich Erstaunliches. Durch den starken Anstieg der Gasproduktion aus Schiefergas-Lagerstätten des nordamerikanischen Subkontinents haben die USA Russland als weltgrößten Gasproduzenten überholt.

Volle Gasspeicher drücken auf die Preise. Nachdem erste Gasproduzenten ihre Kapazitäten zurückgefahren haben, ist (allerdings erst mittelfristig) ein Ende der Preistalfahrt absehbar. Ein kurzfristiges Überangebot gab es auch am Markt für Hochtechnologiemetalle, der von China dominiert wird. Da ein weltweiter Run auf Vorkommen der Technologiemetalle eingesetzt hat, sackten die Preise ab.

Die Vergangenheit lehrt, dass Rohstofffirmen ihre Kapazitäten herauf fahren, wenn ein steigender Preistrend absehbar ist, und zurückfahren, wenn die Preise im Keller sind. Das ist auch im aktuellen Zyklus so. Wichtig ist: Anleger sollten Rohstoffe nicht als homogene, sondern heterogene Gruppe sehen und unterschiedliche Einflüsse bei der Preisentwicklung berücksichtigen. Energie und Buntmetalle unterliegen sehr stark konjunkturellen Einflüssen, Gold wird als Ersatzwährung auf Krisen reagieren und der Preistrend agrarischer Rohstoffe hängt neben der Entwicklung der Weltbevölkerung vom Wetter ab.

Keine Frage – langfristig sind Rohstoffe interessant. Kurzfristig werden sich deren Preise den negativen konjunkturellen Folgen der von Regierungen angestoßenen globalen Entschuldungswelle – als „Deleveraging“ bezeichnet – nicht wirklich entziehen können.

Der Autor ist erreichbar: rettberg@handelsblatt.com

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