Bulle & Bär
Trügerische Signale

Wer einen Blick auf die Anleihemärkte wirft, könnte denken, die aktuelle Krise an den Kreditmärkten sei schon wieder vorbei. Seit Anfang Dezember sind die Kurse von sicheren Staatsanleihen deutlich gefallen und im Gegenzug die Renditen gestiegen. Zehnjährige Bundesanleihen werfen derzeit um die 4,30 Prozent Rendite ab und damit rund 0,3 Prozentpunkte mehr als am Jahresanfang. Doch die Signale vom Rentenmarkt sind trügerisch, weil dort zurzeit frühere Fehlbewertungen abgebaut werden.

FRANKFURT. Staatsanleihen der Industrienationen gelten als Krisenindikator. Wenn am Horizont Zeichen für eine schwächere Konjunktur und damit härte Zeiten an den Aktienmärkten auftauchen, kaufen Anleger verstärkt sichere Staatsanleihen. Diese versprechen zwar - im Vergleich zu Aktien - nur geringe Renditen. Dafür bekommen die Anleihegläubiger ihr Geld aber am Ende der Laufzeit auf jeden Fall zurück.

Angesichts der zuletzt wieder gefallenen Anleihekurse läge damit die Interpretation nahe, die Risiken für die weltwirtschaftliche Entwicklung seien geringer als noch vor einem Jahr. Doch das sind sie natürlich nicht. Die durch die Subprime-Krise um schwache private Hypothekenschuldner ausgelösten Verwerfungen an den Märkten sind alles andere als ausgestanden. Da Banken die Risiken der schwachen Kreditnehmer über komplizierte forderungsunterlegte Anleihen und Geldmarktpapiere weit gestreut haben, geraten immer mehr Finanzinstitute ins Trudeln. Weltweit mussten Institute insgesamt bereits 75 Mrd. Dollar abschreiben. Weitere 100 Mrd. bis 400 Mrd. könnten Schätzungen zufolge hinzukommen.

Das dürfte, ebenso wie die anhaltende Schwäche am US-Immobilienmarkt über die Belastungen für die US-Verbraucher, auch die Gesamtwirtschaft belasten. Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre globalen Wachstumsprognosen bereits gesenkt, und einige Banken sehen für die USA die Wahrscheinlichkeit einer Rezession bei knapp 50 Prozent.

Dass die Renditen deutscher Bundesanleihen dennoch auf Jahressicht gestiegen sind, hat vor allem einem Grund: Im Vorjahr waren sie schlicht zu teuer. Will sagen: Die Kurse waren zu hoch und die Renditen zu niedrig. Und zwar ganz im Gegensatz zu den USA, wo zehnjährige Anleihen vor gut einem Jahr immerhin eine Rendite von 4,70 Prozent abwarfen und damit gut einen halben Prozentpunkt mehr als derzeit.

Die meisten Banken rechnen damit, dass die Renditen zehnjähriger Anleihen in den kommenden Monaten noch stärker sinken werden, wenn sich weitere Belastungen aus der Subprime-Krise in den Bankbilanzen zeigen. Das ist aber vor allem für professionelle Investoren wichtig, die bei Anleihen auf kurzzeitige Kursgewinne setzen. Für Privatanleger, die Anleihen bis zur Fälligkeit im Depot lassen, sind langlaufende Zinspapiere angesichts der aktuellen Renditen so lange unattraktiv, wie kurzlaufende Anleihen oder Tagesgeldkonten annähernd so hohe Effektivverzinsungen abwerfen wie Langläufer.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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