Bulle & Bär
Tückische Branchenrotation

Eigentlich ist die Zeit in der aktuellen Börsenphase reif für eine Sektorrotation in defensive Branchen: Konjunktursensible Unternehmen haben Aktionären in den letzten Jahren hohe Gewinne beschert.

DÜSSELDORF. Auch historisch betrachtet war das Umfeld einer sich abschwächenden Dynamik der Unternehmensgewinne und das absehbare Ende der Leitzinserhöhungen stets ein guter Zeitpunkt, in defensive Aktien zu investieren. Deren Umsätze und Gewinne wehen nicht wie eine Fahne im Wind der Konjunktur. Tabakkonzerne, Nahrungsmittelhersteller, Pharmawerte und Versorger etwa versprechen stabile Erträge in jeder Marktlage. Tatsächlich gehörte dieses Quartett nach Berechnungen der Analysten von Credit Suisse in den Monaten nach dem Ende eines Zinserhöhungzyklus stets zu den stärksten Branchen überhaupt an den Aktienmärkten.

So weit, so schlecht, denn dieses Mal fällt das Urteil vieler Experten anders aus. Im Durchschnitt werden die europäischen defensiven Branchen aktuell mit einen Aufschlag auf des Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Gesamtmarkts von 25 Prozent gehandelt, schreiben die Analysten von Credit Suisse. „Der blinde Kauf von vermeintlich defensiven Aktien könnte sich derzeit als Falle erweisen“, sagt auch Rolf Elgeti, Chefstratege für europäische Aktien bei ABN Amro. Seinen Berechnungen zufolge notieren Nahrungsmittelhersteller derzeit rund 25 Prozent oberhalb ihres durchschnittlichen KGVs der letzten zehn Jahre, Versorger rund 35 Prozent, Tabakkonzerne sogar mehr als 60 Prozent. Lediglich Pharmatitel seien derzeit historisch neutral bewertet.

Zwei Gründe lassen sich für die ambitionierten Bewertungen anführen: Erstens waren defensive Aktien bereits von der herbe Korrektur der Jahre 2000 bis 2003 weniger stark betroffen als der Gesamtmarkt. Zweitens misstrauen viele Investoren schon länger der seit März 2003 währenden Hausse. Sie haben den nun eigentlich fälligen Wechsel der Pferde längst vollzogen.

Der Bewertungsaufschlag wäre indes gerechtfertigt, wenn das Wachstum die KGV stützen würde.

Doch die Unternehmensgewinne der defensiven Branchen weltweit klettern zwar verlässlich, aber alles andere als imposant: Die Ergebnisse je Aktie nicht-zyklischer Konsumtitel und der Tabakfirmen wachsen 2006 durchschnittlich um rund acht Prozent, die der Gesundheitsbranche und der Versorger um je rund neun Prozent. Zum Vergleich: Die Gewinne je Aktie des Gesamtmarkts werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der Credit Suisse um 14 Prozent wachsen.

Zugegeben: Wenn sich die Konjunkturerwartungen für 2007 eintrüben, sind die optisch günstigen KGVs zyklischer Aktien schnell Makulatur. Solange der Gesamtmarkt aber keine Anzeichen von Schwäche zeigt, besteht für bereits investierte Anleger kein Grund, bei der nun eigentlich fälligen Branchenrotation mutig voranzuschreiten.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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