Bulle & Bär
Verstecktes Juwel links liegen gelassen

Chicago ist bei der Deutschen Börse AG in diesen Tagen ein Unwort. Bei dem Versuch, mit ihrer Terminmarkttochter Eurex US den lokalen Platzhirschen Chicago Board of Trade (CBOT) und Chicago Mercantile Exchange (CME) Marktanteile abzujagen, holten sich die Frankfurter in den vergangenen Monaten eine blutige Nase.

NEW YORK. Besser schneidet die Deutsche Börse ab, wenn man ihre Aktie mit denen der Rivalen aus Chicago vergleicht. Im direkten Vergleich erscheinen die Frankfurter billig – oder zumindest wesentlich günstiger als die US-Konkurrenz. Aktuell kostet die Aktie das 22,7-fache des für 2005 erwarteten Gewinns. Für CME-Aktien zahlen Anleger das 42-fache, für CBOT-Titel gar das 60,8-fache des Reinertrags je Aktie.

Nun mögen Fans der Chicagoer Terminmärkte einwenden, dass die Deutsche Börse nach Schätzung der Investmentbank Lehman Brothers dieses Jahr weniger als ein Drittel der Einnahmen aus ihrer Mehrheitsbeteiligung an der Eurex erzielt. Der Rest stammt vor allem aus der Wertpapierabwicklung und dem Aktienhandel im Xetra-System, die beide nicht ganz so schnell wachsen wie das boomende Terminmarktgeschäft. CME und CBOT sind dagegen Terminmärkte ohne Kassahandel.

Trotzdem lässt sich der Bewertungsunterschied kaum rechtfertigen. Die CBOT kostet derzeit das 10,7-fache des erwarteten Umsatzes für dieses Jahr, die CME ist sogar mit dem 13,7-fachen ihres voraussichtlichen Umsatzes im Jahr 2005 bewertet. Bewertet man nach diesen Kennziffern den Eurex-Umsatz der Deutschen Börse an, der laut Lehman Brothers dieses Jahr 490 Mill. Euro je Aktie betragen wird, dann ergäbe sich allein aus dem Terminmarktgeschäft ein Aktienwert von 49,43 Euro bis 63,29 Euro. Das wären bis zu zwei Drittel des aktuellen Kurses bei knapp 87 Euro.

Legt man die CBOT-Bewertung den Eurex-Umsätzen zu Grunde, dann kostet der Rest der Deutschen Börse als gerade einmal das 3,1-fache des Umsatzes je Aktie – das ist jedoch viel zu wenig.

Unter dem Strich bedeutet das, dass die Finanzmärkte Umsatz an der Frankfurter Eurex niedriger bewerten als den gleichen Umsatz an den Terminmärkten in Chicago. Sinn ergäbe dies nur, wenn die langfristigen Wachstumsaussichten für an der Eurex gehandelte Futures auf Euro-Anleihen, europäische Währungen und Aktien schlechter wären als die Chancen für in Chicago notierte Dollar-Finanzinstrumente. Vom globalen Wachstum der Derivatemärkte dürften jedoch alle Regionen profitieren.

Eine einleuchtendere Erklärung lautet: Investoren, die unbedingt vom Boom der Terminmärkte profitieren wollen, haben wie wild CBOT- und CME-Aktien gekauft und dabei das in der Deutschen Börse versteckte Juwel Eurex links liegen gelassen. Der so entstandene Bewertungsfehler wird jedoch kaum lange bestehen bleiben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%