Bulle & Bär
Vom Umgang mit Prognosen

Wenn in diesen Tagen die Investmentbanken ihre Ausblicke für 2006 präsentieren, sollten Anleger aufmerksam hinschauen. Nicht weil die Prognosen ins Schwarze träfen. Das gab es noch nie, und Analysten wird dieses Kunststück auch diesmal nicht gelingen.

HB DÜSSELDORF. Doch der Mehrwert fast aller Ausblicke liegt ohnehin woanders: nicht in der punktgenauen Vorhersage, wo Dax, Euro und Zinsen am 31. Dezember 2006 stehen, sondern vielmehr in den Begründungen, was, warum und in welchem Maße die Märkte beschäftigen könnte. Und hier lohnt es sich, beim Ausblick auf 2006 ins Detail zu gehen.

Szenario vieler Analysten ist, dass die Weltwirtschaft im ersten Halbjahr weiter brummt, Deutschlands Erholung ganz sachte, aber immerhin etwas an Fahrt gewinnt, und die Unternehmen kräftig verdienen. Das sind beste Voraussetzungen für die ohnehin preiswerten Aktienmärkte in Europa, so dass die vorhergesagten Zinserhöhungen in Euro-Land und den USA nicht übermäßig belasten. Deshalb lautet das Zwischenfazit vieler Investmentbanken: Im ersten Halbjahr hat der Dax die Chance zuzulegen. Helaba Trust beispielsweise billigt dem Börsenbarometer im Laufe des nächsten Jahres 5 500 Punkte zu.

Danach aber verdüstern sich die Aussichten, so der Tenor vieler Analysten. Denn im zweiten Halbjahr lässt die Gewinndynamik bei den Unternehmen nach, und die Konjunkturlokomotive USA fährt langsamer, so dass sich weltweit das Wachstum abschwächt. Gleichzeitig beginnen die vielen Zinserhöhungen in den USA zu wirken. Sie verteuern Kredite für Unternehmen und Verbraucher. Das lähmt Investitionen und Konsum. All das wird die Börsen belasten. Helaba Trust prophezeit, dass der Dax auf 5 000 Punkte zurückfällt.

Alle Argumente sind einleuchtend. Doch einen Haken haben derartige Ausblicke: Wenn die Belastungsfaktoren, die in Zukunft auf uns zukommen, jetzt schon bekannt scheinen, dann reagieren die Börsen bereits jetzt. Anders ausgedrückt: Alle Tatsachen und Annahmen bestimmen jetzt und nicht später den Lauf der Kurse.

So war es schon immer. Prägnantes Beispiel war der Spätwinter 2003. In Erwartung des möglicherweise ausbrechenden Irak-Krieges fielen die Kurse drastisch. Sobald der Krieg aber beschlossene Sache war, weil sich die Amerikaner dafür entschieden hatten, stiegen sie wieder. Noch vor Ausbruch der Auseinandersetzungen. Warum? Die aktuelle Situation war schlecht, doch die Perspektiven besser.

Wenn jetzt die Kurse zulegen, obwohl sich die Aussichten im zweiten Halbjahr 2006 zu verdüstern scheinen, dann wägen Anleger einfach nur ab. Selbst die etwas schlechtere Zukunft lässt noch Spielraum für weitere Kursgewinne. Nicht weil die eingetrübten Aussichten ganz weit weg wären und erst später die Börsen belasteten, sondern vielmehr, weil die Anleger mit ihnen ganz gut leben können.

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