Bulle & Bär
Vorzeichenwechsel

Heftige Börsenbewegungen wie in den vergangenen Wochen bringen oft neue Konstellationen. Die Karten werden neu gemischt, weil Anleger plötzlich Risiken neu bewerten. Gut möglich, dass die jüngste Talfahrt auch diesmal Präferenzen umkehrt: weg von den boomenden und überbewerteten Nebenwerten, hin zu preiswerten Blue Chips.

DÜSSELDORF. Zehn Prozent Verlust im Deutschen Aktienindex (Dax) in weniger als vier Wochen sind schmerzhaft, relativieren sich aber bei einem vorangegangenen Gewinn von über 160 Prozent. Noch ausgeprägter ist die Konstellation bei den mittelgroßen Aktien im MDax. Mehr als 15 Prozent Kursverlust waren über 250 Prozent Gewinn voraus gegangen.

Vergeblich warnen viele Analysten und Journalisten seit gut zwei Jahren, dass Nebenwerte gemessen an den großen Dax-Werten überbewertet sind. Konkret: Für Aktien im Dax zahlen Investoren den zwölffachen Jahresgewinn der Unternehmen, im MDax mehr als das 15fache. Historisch üblich ist eigentlich die umgekehrte Konstellation. Denn größere Werte genießen bei Anlegern gewöhnlich einen Bewertungsaufschlag. Die Aktien sind liquider, und die Firmen agieren internationaler. Sie machen sich weniger von einzelnen Aufträgen und Märkten abhängig.

Dass MDax-Werte dennoch jahrelang besser abschnitten als die Großen, erklärt sich mit der beispiellosen Geschichte an den Finanzplätzen: Ende der 90er-Jahre boomten die großen Aktien-Indizes so stark wie nie zuvor. Anleger konzentrierten sich einerseits auf große Firmen und Weltmarktführer, andererseits auf kleine High-Tech-Aktien. Alteingesessene Unternehmen waren dagegen „out“ – wie es die einst schlechte Entwicklung des MDax widerspiegelte. Hohe Dividenden und niedrige Bewertungen zählten nicht.

Nach dem ebenfalls beispiellosen Börsenabsturz erholten sich die Indizes unter umgekehrten Vorzeichen. Die lange links liegen gelassenen Nebenwerte erfreuten sich größerer Aufmerksamkeit als die alten Stars. Was Anleger an den Kleinen reizte, war ihre Stabilität in den Jahren des Absturzes. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass Nebenwerte auch bei künftigen Talfahrten glimpflich davonkommen.

Das ist aber ein Trugschluss. Jetzt verlieren wieder diejenigen Aktien am stärksten, die übermäßig gestiegen sind. Anleger, die nach dem Desaster mit Blue Chips und Technologiewerten diesmal auf scheinbar stabile Nebenwerte setzten, sind wieder die Verlierer, wenn sie zu spät auf den Börsenzug aufgesprungen sind. Gut möglich, dass die jetzige Börsenschwäche deshalb neuerlich die Vorzeichen ändert: weg von den recht teuren Nebenwerten, hin zu den soliden, unterbewerteten Großen. Die 30 Titel im Dax kosten gemessen an den Firmengewinnen 25 Prozent weniger als im langjährigen Mittel. Das sollte eigentlich am besten vor massiven Kursverlusten schützen.

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