Bulle und Bär: Wall Street: Ab- oder Ankoppeln

Bulle und Bär
Wall Street: Ab- oder Ankoppeln

Moderate Wachstumsverlangsamung oder Rezession, lautet derzeit die Frage für die Weltkonjunktur und damit am Ende auch für das Schicksal der angeschlagenen Aktienbörsen. Etwas präziser lässt sich das Problem mit dem Anglizismus "Decoupling or Recoupling" fassen - auf gut Deutsch: Gelingt es Europa und den Schwellenländern, sich von den kränkelnden Vereinigten Staaten abzukoppeln? Kann die Weltwirtschaft wirklich wachsen, wenn der Konjunkturlokomotive USA der Dampf ausgeht?

LONDON. Tatsächlich haben sich die Gewichte in der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren verschoben, vor allem in Richtung der dynamischen Emerging Markets wie China, Indien oder Russland. Aber reicht diese Dynamik schon aus, um von einer Abkopplung zu sprechen? Immerhin geben die Amerikaner noch immer fünfmal mehr für den privaten Verbrauch aus als Indien und China zusammen. Und immerhin geht ein Fünftel aller Exporte aus Asien in die Vereinigten Staaten. Natürlich wird das Wachstum in den Schwellenländern nicht kollabieren, wenn die USA tatsächlich in eine Rezession rutschen sollten, aber ob die Kraft von Indien und China bereits ausreicht, um die Konjunkturlokomotive für den Rest der Welt zu spielen, muss doch angezweifelt werden.

Und wie sieht die Sache mit Europa aus? Auf den ersten Blick gar nicht so schlecht. Tatsächlich scheinen die Verbindungen zwischen der alten und der neuen Welt erstaunlich locker geknüpft. Nur 15 Prozent der Exporte aus der Euro-Zone gehen in die USA. Da müsste sich doch eine US-Rezession verkraften lassen, oder? Die Exportstatistik hat allerdings einen Fehler; in ihr sind die Direktinvestitionen von europäischen Unternehmen nicht enthalten, und die spielen eine bedeutende Rolle. Viele Firmen haben eigene Töchter im Dollar-Raum aufgebaut und erzielen ihre Einnahmen dort also nicht über Exporte, sondern produzieren direkt in den USA. Der Umsatz deutscher Unternehmen in den Vereinigten Staaten beläuft sich beispielsweise auf das Fünffache des Exportvolumens. Nach einer Abkopplung sieht es also auch hier nicht unbedingt aus.

Vielleicht sollten sich die Aktionäre aber auch gar nicht so viele Gedanken über Ab- oder Ankoppeln machen. Schließlich reicht ein Blick in die Vergangenheit, um zu zeigen, dass zumindest, was die Börsen angeht, ein Abkoppeln von der Wall Street sehr unwahrscheinlich ist. In der Wirtschaft mögen sich die Gewichte verschoben haben, an den Aktienmärkten gilt die alte Weisheit noch immer, dass Europa eine Lungenentzündung droht, wenn die Wall Street hustet.

Die Kurse in New York und an den europäischen Börsen schwanken im Gleichklang, und das gilt besonders für den Deutschen Aktienindex. Die Analysten von ABN Amro haben für den Zeitraum von 1970 bis heute eine Korrelation von 97 Prozent zwischen dem S&P-500-Index und dem Dax errechnet. So wie es aussieht, können sich zumindest die Börsen kaum aus dem Schwerefeld der Wall Street lösen. Und das ist sicher keine gute Nachricht.

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