Bulle und Bär
Was die Investoren an Versicherungswerten stört

Selten waren sich Fondsmanager, Aktienstrategen und -analysten so einig wie in ihren Vorhersagen für das laufende Jahr: 2007 werde an der Börse das Jahr der Versicherer werden – und das der Allianz erst recht, zeigten sich im Dezember nahezu alle Finanzprofis überzeugt. Nach dem ersten Jahresdrittel sieht das Bild allerdings ganz anders aus.

FRANKFURT. Zwar hat der deutsche Branchenindex Prime Insurance seit Anfang Januar rund sechs Prozent an Wert gewonnen. Damit liegt er aber weit hinter dem Deutschen Aktienindex (Dax), der gut 13 Prozent zulegte. Noch schlechter präsentiert sich die Allianz-Aktie. Ein mageres Plus von 3,5 Prozent hat das Papier 2007 bisher erzielt – angesichts des positiven Börsenumfelds ein enttäuschendes Ergebnis. Zuletzt ging es für Deutschlands Marktführer am Aktienmarkt sogar deutlich bergab: Seit Anfang Mai sank der Kurs von 168 auf jetzt rund 157 Euro.

Dabei hat die Allianz für das erste Quartal gerade den höchsten Dreimonatsgewinn ihrer Geschichte vorgelegt. 3,2 Milliarden Euro verdiente der Konzern unter dem Strich. Analysten spekulieren nun bereits auf ein deutlich höheres Jahresergebnis als die gut elf Milliarden Euro, die Allianz-Chef Michael Diekmann in Aussicht gestellt hat.

Doch die Börse lügt bekanntlich nicht. Und ein genauer Blick auf die Quartalszahlen zeigt, was die Investoren stört: Der immense Gewinn beruht zu einem bedeutenden Teil auf Einmaleffekten. Zwei Milliarden Euro stammen allein aus Verkäufen von Kapitalbeteiligungen, etwa an BMW oder an Karstadt-Quelle. Noch schwerer wiegt aber, dass die Allianz kaum noch wächst. Der Umsatz ging um 1,1 Prozent auf 29,3 Milliarden Euro zurück. Und die Kosten, denen Diekmann entschieden den Kampf angesagt hatte, wollen einfach nicht sinken.

Und nicht zuletzt bereitet die Dresdner Bank der Allianz auch Jahr sechs nach der Übernahme weiter Sorgen. Zwar steigerte die Banksparte wie die Konzernmutter den Gewinn im ersten Quartal deutlich. Aber auch hier verzerren Einmaleffekte das Bild. Unter dem Strich ging der Quartalsgewinn der Dresdner sogar zurück, weil sie im Investment-Banking trotz der Steilvorlage steigender Aktienkurse enttäuschte.

Die Finanzprofis lässt das alles kalt. Nach Angaben von Bloomberg empfehlen nach wie vor 35 von 39 Analysten die Allianz-Aktie zum Kauf – mit Kurszielen von 180 bis 220 Euro. Und auch in den Depots deutscher Vermögensverwalter ist das Papier nach Daten von Firstfive so häufig vertreten wie kein anderes. Sie alle gründen ihren Optimismus auf die mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis unter zehn sehr günstigen Bewertung und der Hoffnung auf positive Effekte durch den Konzernumbau.

Jedoch zeigt die Erfahrung, dass gerade dort, wo die Erwartungen am höchsten sind, die größten Enttäuschungen drohen. In den nächsten Monaten muss die Allianz mit wirklich guten Nachrichten zeigen, dass sie das Vertrauen verdient. Sonst droht die Aktie an der Bürde des Favoriten zu scheitern.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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