Bulle & Bär
Weg frei für Altria

Weil die US-Notenbank stets um die Unabhängigkeit ihrer Führungspersonen bemüht ist, musste auch der amtierende Notenbankchef Ben Bernanke im vergangenen Jahr Rechenschaft über seine Wertpapierbestände ablegen. Neben einer Fülle von Pensions- und Investmentfonds befand sich bis Juli 2004 nur eine einzige Aktienposition in Bernankes Portfolio: Altria.

DÜSSELDORF. Keine schlechte Wahl. Die Aktien des Tabak- und Lebensmittelkonzerns notierten am Donnerstag mit 78,40 US-Dollar nur knapp unter ihrem Allzeithoch und sind dennoch auch für vorsichtige Investoren einen Blick wert.

Dafür sprechen eine Reihe von Gründen: Erstens hat vor zwei Wochen das oberste Gericht des Bundesstaates Florida eine im April 2000 verhängte Schadensersatzzahlung von 145 Mrd. US-Dollar für nichtig erklärt. Der bereits seit 1994 schwebende, so genannte „Engle Case“ galt als entscheidende Sammelklage für die Zigarettenindustrie. Jetzt ist der Weg für Altria frei, das Unternehmen im Rahmen eines Spin-Offs an die Aktionäre in die Unternehmensteile Tabak und Lebensmittel aufzuspalten. Der Konzern besteht derzeit aus us den Sparten Philip Morris USA, Philip Morris International und Kraft Foods.

Zweitens ist die Aktie trotz der Konglomerat-Struktur und des jüngsten Kursanstiegs unter fundamentalen Aspekten nicht zu teuer: Derzeit errechnen Analysten im Schnitt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 14 für das laufende Jahr. Das ist nur leicht über dem Durchschnitt der vergangenen 15, von Prozessängsten geprägten Jahre. Hier wurde Altria im Schnitt mit einem KGV von 12,5 gehandelt. Mit einer aktuellen Dividendenrendite von 4,1 Prozent zählt Altria auch zu den dividendenstärksten und zudem verlässlichsten US-Standardwerten: Seit Einführung der Zigarettenmarke Marlboro im Jahr 1924 hat der US-Konzern die Dividende noch nie gekürzt.

Drittens ist Altria auch unter strategischen Überlegungen interessant: Schon heute erzielt der Konzern 42 Prozent aller Umsätze mit Tabak und Lebensmitteln in Schwellenländern. Dieses Engagement in aufstrebenden Regionen sichert auch künftig hohe Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn, selbst wenn die Geschäfte der Tabaksparte in den USA und Europa vor dem Hintergrund immer rigiderer Rauchergesetze bestenfalls stagnieren.

Schließlich deutet die gute Kursentwicklung der vergangenen Wochen auf eine Rückkehr der Investoren in defensive Branchen hin: Seit Beginn der jüngsten Korrektur im Mai ziehen viele Anleger die sicheren und planbaren Erträge samt Dividenden von Lebensmittel- und Tabakherstellern den riskanteren zyklischen Aktien vor. Gemessen an der Tatsache, dass zuvor Zykliker mehr als drei Jahre lang höhere Erträge lieferten als die defensiven Titel, ist es schwer vorstellbar, dass dieser Trendwechsel hin zur Defensive nach nur zwei Monaten wieder vorbei sein könnte.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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