Bulle & Bär
Welthandel: Gefahr auf dem Wasser

Die Schlagzeilen in zwei Wochen: Kampf um Lebensmittel, Schlangen an Tankstellen, Unruhen in den Städten, der Welthandel bricht zusammen. Einen Tag darauf greifen Regierungen und Notenbanken ein. Sie schnüren ein weiteres Rettungspaket. Das größte Unglück wird abgewendet. In diesem fiktiven Szenario ist die Kreditkrise über den Wasserweg auf die Realwirtschaft durchgeschlagen.

FRANKFURT. Fast der gesamte Welthandel ist ans Wasser gebunden. Das Gros der Waren und Rohstoffe bringen Frachtschiffe über die Weltmeere an ihren Bestimmungsort. Hier droht jetzt eine ernste Gefahr. Es sind weniger die kollabierenden Frachtraten, die die Preise für den Transport auf wichtigen Schifffahrtsroute abbilden. Ein viel beachteter Index hat sich in den vergangenen Monaten mehr als gesiebtelt und in den letzten Wochen gedrittelt. Das muss nicht zwangsläufig ein Desaster signalisieren. Ein Vertreter des Hamburger Hafens jedenfalls erklärt den Absturz auch mit aufgebauten Überkapazitäten, die auf den Markt drängen würden.

Große Kopfschmerzen bereiten Beobachtern vielmehr die ersten Meldungen über lähmende Probleme beim Handel. Vor einer Schiffsbeladung muss der Käufer dem Verkäufer seine Zahlungsfähigkeit belegen, denn die Fracht schippert im Regelfall Wochen über die Ozeane, bevor sie ihren Bestimmungsort erreicht. Für den Warenwert steht erst einmal die Bank des Käufers ein. Das garantiert sie im sogenannten "Letter of Credit", einem Akkreditiv.

Im Zuge der Bankenkrise scheint jetzt das Geldinstitut des Verkäufers immer häufiger an der Bonität der Bank des Käufers zu zweifeln. Das zeigen erste Fälle aus Amerika, wo Deals gekippt werden und in einigen Häfen Waren auf Halde liegen, vor allem Rohstoffe. Das klingt auch plausibel: Wenn Banken sich untereinander einen Kredit verweigern, warum sollten sie dann einer solchen Zahlungsgarantie trauen?

Seit dem Wochenende sind Kenner der Szene in Panikstimmung. Wenn Lieferfirmen ihre Waren nicht mehr verschiffen können, sind sie häufig in kurzer Zeit selbst von der Pleite bedroht. Ohne Eingriffe könnte sich schnell ein logistisches Desaster anbahnen. Spiegelbild eines solchen Szenarios wären Warenengpässe in den betreffenden Importländern. Im schlimmsten Fall würde es dann in den Industrieländern an Nahrungsmitteln und Energie mangeln.

Es ist durchaus denkbar, dass die nächste Eskalation der Kreditkrise auf den Wasserweg über Anleger und Bürger herein bricht. So erhält die Umschreibung der Kreditkrise mit dem Begriff Finanz-Tsunami eine neue und nahe am Urlement Wasser haftende Deutung. Aus Börsianersicht würden im unvermeidbaren Rezessionsszenario die bisherigen Trends intakt bleiben: Staatsanleihen gewinnen, Aktien verlieren - aber Rohstoffe legen wieder zu. Doch das ist nur ein Szenario, und außerdem gibt es noch Notenbanken und Regierungen.

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