Bulle & Bär
Wenn Bundesländer den Zertifikatemarkt anzapfen

Brandenburg hat es vorgemacht, dann kam Nordrhein-Westfalen, und nun folgt auch Sachsen-Anhalt dem Beispiel des östlichen Nachbarn und zapft als drittes Bundesland den Zertifikatemarkt an. Doch attraktiv ist das Zertifikat nur auf den ersten Blick.

„Ausgeschlafene investieren jetzt“, wirbt Sachsen-Anhalt für sein Debüt-Papier, die „Zins-Aktiv-Anleihe“. In Wahrheit dürfte das Land, wo die Leute laut Werbeslogan früher aufstehen, jedoch auf Anleger bauen, die noch etwas Schlaf in den Augen haben.

Attraktiv ist das Zertifikat nämlich nur auf den ersten Blick: Immerhin erhalten Investoren in den ersten zwei Jahren jeweils fünf Prozent Zinsen, und das eingesetzte Kapital ist am Ende der Laufzeit garantiert.

Die optisch attraktiven Zinsen in den ersten beiden Jahren erkaufen sich Anleger allerdings mit einem erhöhten Risiko in den Folgejahren. Ab dem dritten Jahr drohen ihnen deutlich geringere Zinszahlungen, im Extremfall fallen die Zahlungen sogar ganz aus – und das unter Umständen bis zum Jahr 2017. Denn die tatsächliche Rendite und der Zeitpunkt der Rückzahlung des Zertifikats hängen von einer komplexen Formel ab, in der die Zinsdifferenz zwischen zwei- und zehnjährigen Bundesanleihen die Hauptrolle spielt.

Ab 2010 wird diese Differenz zum Ende jedes Jahres mit fünf multipliziert. Das Ergebnis erhalten Anleger als Zinszahlung. Zurückgezahlt wird das Papier, sobald die Summe aller Zinszahlungen 12,5 Prozent erreicht oder überschreitet.

Nun klingen 12,5 Prozent nicht viel, werden doch in den ersten beiden Jahren bereits vier Fünftel davon angehäuft. Und in der Tat lag die Zinsdifferenz zwischen kurz- und langlaufenden Staatspapieren in den vergangenen Jahren zum Teil bei 1,5 Prozent und mehr. Auf dieser Basis ergäbe sich für das Zertifikat im dritten Jahr eine Rendite von 7,5 Prozent. Insgesamt kämen Anleger damit auf Zinsen in Höhe von 17,5 Prozent bzw. 5,8 Prozent pro Laufzeitjahr.

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Aktuell rentieren zehnjährige Titel des Bundes aber gerade einmal 0,04 Prozentpunkte über Zweijährigen. Bliebe das so, würde das Zertifikat aus Sachsen-Anhalt nach drei Jahren nur noch 3,4 Prozent Durchschnittsrendite abwerfen. Das ist weniger, als viele Banken zurzeit für Tagesgeld zahlen. Zu allem Überfluss liefe das Zertifikat weiter.

Für eine Rückzahlung nach drei Jahren müssen zehnjährige Bundesanleihen am 31. Mai 2010 mindestens 0,5 Prozentpunkte mehr Rendite abwerfen als die Kurzläufer. Unrealistisch ist das trotz der zurzeit unnormal niedrigen Zinsdifferenz nicht. Mehr als 4,2 Prozent Rendite kommt in diesem Fall jedoch auch nicht raus.

Zur Ehrenrettung von Sachsen-Anhalt muss man sagen, dass es ähnliche Produkte auch von anderen Emittenten gibt. Andererseits sollten gerade Neulinge auf dem Zertifikatemarkt Anlegern mit ihren Produkten echten Mehrwert bieten. Mit mehr als 80 000 Produkten ist das Segment zersplittert genug. Wer hier neu Fuß fassen möchte, muss ganz einfach früher aufstehen als die Konkurrenz.

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Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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