Bulle & Bär
Wenn der Analyst zum Sportreporter wird

Dem Moderator im Börsen-TV stockt der Atem. Dann überschlägt sich seine Stimme: Eine Aktie hat ein Prozent verloren. Jetzt einsteigen, das rät er mit einer Eindringlichkeit, die seinen Adrenalinspiegel bis in die Wohnzimmer überträgt. Viele Anleger lassen sich anstecken. Handeln ist angesagt, mit welchem Erfolg auch immer.

FRANKFURT. Börsenberichterstattung im Stile eines Sportreporters gehört seit den Jahren des Technologie-Hypes zum Medienalltag. Die Welt ist hektischer und schnelllebiger geworden. Verkürzte Aufmerksamkeitszeiten und Erinnerungsfähigkeiten haben auch auf die Finanzwelt übergegriffen. Das ist häufig zum Schaden der Anleger ausgefallen. Überspitzt formuliert: Immer neue Finanzprodukte sollen der Branche den Absatz sichern und zum Wechsel von einem Produkt in ein anderes animieren - die Verkäufer verdienen daran.

Der Anleger verliert in diesem Beschleunigungsspiel. Die US-Investoren hielten in den Nachkriegsjahrzehnten Aktien im Schnitt zwischen vier und acht Jahren. Heute hat das Raus und Rein derart um sich gegriffen, dass die Anleger nur noch neun Monate bei der Stange bleiben. Es ist der programmierte Ertragsverlust, an dem zugegebenermaßen die eigene Gier manchmal mitschuldig ist. Häufig bringt der Wechsel nicht den erhofften Vorteil. Außerdem summieren sich Kauf- und Verkaufspesen.

Das Kontrastprogramm zum Aktivismus heißt Beschränkung, auch wenn es für die Geldbranche ungemütlich ist. Im Extremfall würde der Anleger nur eine Entscheidung für eine Vermögensform pro Jahrzehnt treffen. Ein simples und aktuelles Rechenexempel dazu, das wegen der langfristigen Datenbasis wieder US-Daten verwendet. Es setzt allerdings ein Gespür für die entscheidenden und großen Kapitalmarkttrends voraus, also eine Analyse- und Prognosefähigkeit, wie sie die wenigen erfolgreichen Investoren auszeichnet.

In diesem Beispiel hat der Anleger Anfang der 70er-Jahre 10 000 Dollar in Aktien gesteckt, in den Dow-Jones-Index. Bis heute wären daraus grob gerechnet eine halbe Million Dollar geworden. Bei einer Alternativanlage in Rohstoffen, die seit einigen Jahren haussieren, würde er jetzt über knapp eine dreiviertel Million Dollar verfügen. In der Realität dürfte kaum ein Anleger die eine oder andere Variante durchgehalten haben. Reale Anlagebilanzen werden weit schlechter aussehen.

Die cleverste Entscheidung war allerdings der Wechsel zwischen den großen Trends. Gelungen heißt: mit Rohstoffen starten und das Top des Booms Ende der 70er-Jahre erwischen, dann in Aktien wechseln, von der großen Hausse bis zur Jahrtausendwende profitieren, anschließend zurück auf Rohstoffe schwenken. Das Endvermögen bei richtigem Gespür und nur drei richtigen Entscheidungen: etwa fünf Millionen Dollar. Die Empfehlung des Trend-Denkers: jetzige Allokation beibehalten und das Börsen-Fernsehen abschalten.

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