Bulle und Bär
Wenn die Angst vorm Risiko zur Gefahr wird

Das Risiko einer globalen Rezession und sozialer Unruhen dämpft derzeit den Mut der Anleger. Immer mehr ziehen ihr Kapital aus Risikopapieren wie Aktien - ab und flüchten in den sicheren Hafen Staatsanleihen. Das ist unheimlich.
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FrankfurtRisiko und Chance liegen eng beieinander. Das ist jedem Anleger bewusst. Dass die Welt - sowohl positiv als auch negativ - heute da steht, wo sie steht, ist nicht zuletzt der Inkaufnahme von Risiken zu schulden. Klar, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten überwiegen bei der Analyse der Vergangenheit meist die negativen Aspekte. Dann wird rasch vergessen, dass die Welt in den vergangenen Jahrhunderten riesige Fortschritte zum Beispiel beim Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Pandemien erzielt und insgesamt einen höheren Lebensstandard erreicht hat. Ohne die Inkaufnahme von Risiken wäre dies nicht möglich gewesen.

Diese Entwicklung war nicht zuletzt mutigen und risikobereiten privaten Anlegern zu verdanken, die gebotene Chancen erkannten, beim Schopfe packten und an eine bessere Zukunft glaubten. Das Risiko - das griechische Wort für Klippe und Gefahr - einer absehbaren globalen Rezession und möglicher sozialer Unruhen in der Welt dämpft derzeit den Mut der Anleger. Und so ziehen immer mehr Anleger ihr Kapital aus Risikopapieren wie Aktien - also Unternehmensbeteiligungen - ab und flüchten in den sicheren Hafen Staatsanleihen.

Wenn Risiko als ein Ereignis mit der Möglichkeit negativer Auswirkungen definiert wird, dann muss ein solches Verhalten jedoch beinahe als unheimlich anmuten. Denn Anleger, die Aktien meiden und Staatsanleihen favorisieren, gehen in Wirklichkeit mehr Risiko ein. Sie vertrauen nämlich darauf, dass der Staat auch künftig in der Lage sein wird, Verpflichtungen zur Rückzahlung seiner Schulden inklusive Zinslast nachzukommen. Praktisch leihen Anleger also sich selbst und ihren Mitbürgern Geld und vertrauen damit sogar auf die Fähigkeit und den Willen künftiger Generationen, dieses Geld zurückzuzahlen - plus Zins natürlich.

Klar, dieses System hat jahrzehntelang funktioniert. Dies auch deshalb, weil Pensionskassen und Versicherungen qua Gesetz verpflichtet wurden, Staatsanleihen als sichere Anlage zu betrachten und Aktien als Risikopapiere einzustufen. Doch dort, wo der Schuldenberg zahlreicher Staaten unkontrollierbar wird, droht dem System der Kollaps. Zu lange wurde Wohlstand mit Kredit erkauft.

Das Risiko: Auch der auf diesem System basierende "geborgte konjunkturelle Aufschwung" droht in einer starken wirtschaftlichen Abschwächung - wahrscheinlich sogar in einer Rezession - zu münden. Vor diesem Hintergrund sind Anleger aufgefordert, Risiko und Chance in ihren Wertpapier-Portfolios neu zu definieren.

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