Bulle & Bär
Wer will denn wirklich lebenslange Knebelverträge?

Die Finanzkrise hat bei vielen Anlegern ein großes Misstrauen geschaffen. Jeder fünfte Deutsche hat laut einer Umfrage seine private Altersvorsorge gekürzt oder sogar gekündigt. Die Anleger haben Angst, dass sie ihr eingezahltes Geld in 20 oder 30 Jahren nicht mehr wiedersehen, weil etwa eine hohe Inflation ihre Ersparnisse auffressen könnte.
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DÜSSELDORF Die Sparer misstrauen vor allem Produkten, bei denen sie über Jahrzehnte gebunden sind – wie etwa bei Riester-Lebensversicherungen. Fast 75 Prozent aller Riester-Verträge sind Lebensversicherungen. Andere Riester-Formen – Banksparpläne, Fonds, Wohn-Riester – fristen ein Schattendasein. Finanzberater verdienen an den Versicherungen besonders gut und verkaufen sie daher gerne. Ob aber ausgerechnet das unflexibelste aller Riester-Produkte auch das beste für den Kunden ist, darf bezweifelt werden.

Keine Frage, die Riester-Rente hat Vorteile. Der Staat zahlt Zuschüsse, zudem lassen sich die Beiträge steuerlich absetzen. Viele übersehen aber den großen Nachteil: Viele Riester-Produkte, vor allem die Lebensversicherungen, sind lebenslange Knebelverträge. Monat für Monat zahlt der Anleger seine Beiträge. Im Ruhestand erhält er dann Monat für Monat seine Rente – nur maximal 30 Prozent der Ersparnisse können auf einem Schlag ausbezahlt werden.

Eine Kündigung wird für den Anleger meist zum Verlustgeschäft

Noch schlimmer: Vorzeitig kommen Anleger nur an ihr Geld, wenn sie den Vertrag kündigen. Der Staat fordert dann Zulagen und Steuervorteile zurück. Vor allem aber kassieren die Versicherer hohe Gebühren. Die Kündigung wird daher meist zum Verlustgeschäft.

Einzige Ausnahme: Wer eine Immobilie kauft, darf seine Ersparnisse dafür aufzehren. Allerdings legt Vater Staat dann neue Fußfesseln an. Wer noch einmal umzieht oder das Haus verkauft, muss viele Auflagen einhalten.

Natürlich ist klar: Wer für das Alter vorsorgen will, sollte nicht vorzeitig die Ersparnisse angreifen. Trotzdem ist es verständlich, wenn Anleger im Notfall an ihr Geld herankommen wollen – sei es wegen einer schweren Krankheit, sei es wegen einer Weltwirtschaftskrise. Wer weiß schon, was in 30 Jahren ist?

Für Sparer, die sich neben der gesetzlichen Rente nicht noch eine weitere Rente aufbauen wollen, gibt es Alternativen. Junge Anleger können langfristig in Aktien investieren, etwa über börsengehandelte Indexfonds (ETFs). Für ältere Anleger kommen eher Anleihen, Immobilien oder Banksparpläne in Betracht.

Ob mit oder ohne Riester: Entscheidend ist, dass Anleger überhaupt sparen. Denn zumindest eins ist gewiss: die Lücke in der gesetzlichen Rentenversicherung.

detering@handelsblatt.com

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