Bulle & Bär
Wie viel ist eine Unternehmenskultur eigentlich wert?

Die Allianz steht prächtig da. Die Gewinne sprudeln, und selbst Probleme mit der Lebensversicherung in den USA und in Italien werden im Zahlenwerk locker überdeckt von der positiven Grundtendenz. Sogar die Dresdner Bank, das ewige Sorgenkind des Konzerns, fällt immer weniger unangenehm auf.

DÜSSELDORF. Die Analysten geben daher überwiegend gute Noten ab für die Münchener Gruppe, die sich gerade als „SE“, als „Europäische Gesellschaft“, umgegründet hat. Der harte Kurs von Konzernchef Michael Diekmann gegenüber der eigenen Belegschaft kommt bei den Aktienexperten gut an: Diekmann weicht keinen Millimeter zurück von seinen Plänen zum Stellenabbau, obwohl die Gewinne so reichlich fließen.

Wenn die Analysten nicht wirklich überschwänglich sind, dann vor allem deswegen, weil die Aktie schon recht gut gelaufen ist. Und weil inzwischen jeder weiß, dass Diekmann einen guten Job macht. Merrill Lynch schreibt in einer neuen Studie griffig von „a popular stock in a popular sector“, sieht aber trotz dieser großen Popularität des Papiers noch Potenzial.

Allerdings sollten Anleger allmählich vorsichtig werden: Wenn Analysten in ihren Reports Formulierungen wie „immer noch“ oder „nach wie vor“ benutzen, dann ist der Aktienkurs oftmals schon ausgereizt.

Eine andere Frage lautet, welche Perspektiven die Allianz langfristig bietet. Mitarbeiter des Konzerns haben wegen der Stellenstreichungen symbolisch die traditionelle – oft sehr gerühmte – Unternehmenskultur zu Grabe getragen. Das ist sicher nur zum Teil berechtigt, aber wahr ist auch: Stellenabbau im großen Stil kannte man in diesem Hause früher nicht, und schon gar nicht bei einer guten Ertragssituation.

Das führt zu einer interessanten Frage: Wie viel ist eine Unternehmenskultur eigentlich wert? Wie lässt sie sich in Euro und Cent beziffern? Sie spielt sicherlich eine große Rolle – gerade bei Finanzdienstleistern, deren Produkte leicht kopierbar sind und deren Erfolg stark vom Vertrieb abhängt. So gesehen wäre die Art, wie Diekmann diese Kultur aufs Spiel setzt, unter langfristiger Perspektive als fahrlässig zu bewerten.

Auf der anderen Seite: Eine gewachsene Kultur kann irgendwann auch ihren Wert verlieren und vielleicht sogar zu einer Belastung werden. Versicherer stehen heute auf den Kapitalmärkten im harten Wettbewerb um die Gunst der Investoren: Das verlangt eine „kapitalistischere“ Unternehmenkultur als früher.

Nachdem Diekmann die Zahlen in Ordnung gebracht hat, wird seine nächste Aufgabe sein, diesen Kulturwandel zu gestalten – nach der hoffentlich „kreativen“ Zerstörung wieder einen neuen Aufbau hinzubekommen. Diese Aufgabe ist schwer. Sie verlangt außerordentliche Fähigkeiten in der Kommunikation, Ausstrahlung, eine starke Persönlichkeit. Man kann gespannt sein, wie Diekmann sich schlägt.

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