Bulle & Bär
Wien ist für Investoren kaum noch eine Reise wert

Wien ist eine schöne Stadt und eigentlich immer eine Reise wert. Doch was für Touristen gilt, besitzt für Anleger nur noch begrenzte Gültigkeit. Hat die Börse Wien in der Vergangenheit gerade auch ausländische Investoren mit Osteuropa-Phantasie angelockt, regiert jetzt deutlich mehr Vorsicht im Ostgeschäft.

Fast hat es den Anschein, als ob der Wiener Börse ein wenig die Luft ausgegangen wäre. Anleger warten vergeblich darauf, dass endlich ein-mal wieder ein neuer Titel auf Österreichs einzigem Handelsplatz notiert. Seit drei Jahren herrscht bei den Neuzugängen gähnende Leere. Auch kleinere Unternehmen wie die auf die Fahrzeug-Finanzierung spezialisierte Wiener Autobank ziehen es vor, ins Ausland zu gehen: Seit der vergangenen Woche notiert die neue Autobank-Aktie an der Frankfurter Börse. Bewegung hat es in Wien zuletzt nur durch Kapitalerhöhungen bei bereits gehandelten Titeln gegeben. Und unter Finanzmarktexperten herrscht Einigkeit, dass diese Entwicklung auch im neuen Jahr genauso weitergehen wird.

Der ATX, Österreichs wichtigster Aktienindex, hat zwar einen Teil der Verluste des Krisenjahres 2009 wieder wettgemacht (plus 7,2 Prozent). Doch in Deutschland etwa ist die Aufwärtsbewegung deutlich stärker, beim Dax liegt das Plus aktuell bei 13 Prozent.

Skandale erschüttern Vertrauen

Der Standort verliert zusätzlich an Attraktivität, da sich wichtige Titel aus Wien zurückziehen oder ganz verschwinden. Der Sportwettenanbieter Bwin will nach der Fusion mit dem britischen Konkurrenten Partygaming auf die Notierung in Österreich verzichten. Auf dem Wiener Kurszettel ist bereits Austrian Airlines verschwunden, die neue Tochter der deutschen Lufthansa. Wenn es weniger attraktive Titel zu kaufen gibt, sorgt das vor allem bei institutionellen Investoren für Zurückhaltung. Wien droht also die Gefahr, dass wichtige Zuströme ausländischen Geldes ausbleiben.

Wenig vertrauensfördernd waren zudem die Skandale, die den Fi-nanzplatz Wien während der vergangenen zwei Jahre erschüttert haben. Staatsanwälte interessieren sich heute für Unternehmen wie Meinl oder die Hypo Alpe Adria. Anleger suchen sich lieber Finanzplätze mit mehr Sicherheit und besserer Reputation.

Investoren, die sich für Osteuropa interessieren, sollten besser nach Warschau sehen. An der polnischen Börse passiert viel mehr als in Wien. Polen hat die Krise als einziges Land in Osteuropa ziemlich gut überstanden, außerdem fährt die Regierung dort einen ziemlich konsequenten Privatisierungskurs von staatlichen Unternehmen - natürlich über die eigene Börse. Wien bleiben noch die Touristen, die Investoren fahren besser nach Warschau.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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