Bulle & Bär: Wo, bitte schön, ist der Markt?

Bulle & Bär
Wo, bitte schön, ist der Markt?

Anleger wollen nicht lernen: Dieses Mal treiben sie Nanoaktien in schwindelerregende Höhen. Doch wehe, wenn die Zahlen kommen.

DÜSSELDORF. Liebe Anleger! Keine zwei Wochen ist es her, seit die Aktien der schwedischen Obducat, eines Herstellers für Nanoprägestempel für Biosensoren, an der Berliner Börse gehandelt werden. 40 000 Stück wechselten am ersten Handelstag den Besitzer, heute sind es schon über drei Millionen Aktien – börsentäglich. Der Kurs sprang allein gestern 17 % nach oben. Oder nehmen Sie die Papiere der US-Firma Biophan – über 200 % seit Anfang Januar.

Wollen Sie nicht noch schnell die Seiten wechseln? Gründen Sie doch gleich selbst ein Unternehmen, nennen es Nano-Irgendwas, melden ein Patent an und bringen Ihre Firma an die Börse. Hauptsache Nano! Es funktioniert: Nanophase Technologies + 50 %, Nanogen + 100 % oder allein vergangenen Montag: Nanopierce + 70 %.

Oder – wenn es mit dem Patent hakt – gründen Sie eine Beteiligungsgesellschaft und investieren Sie in Nano. Die US-Beteiligungsfirma Tiny hat es vorgemacht: + 50 %. Weiteres Potenzial? Unbegrenzt. Denken Sie an den Pionier der Internetbeteiligungen CMGI, der im Jahr 2000 über 50 Mrd. Dollar kostete. Der Grund für die rasante Performance der Nanoaktien? Es gibt keinen. Außer vielleicht, dass die Zinsen niedrig sind, die Liquidität hoch ist und Sie nicht wissen, wohin mit Ihrem Geld.

Die Nanofirmen selbst sehen das freilich anders, sprechen von Märkten in Milliardenhöhe. Auf 700 Mrd. Dollar schätzt die National Science Foundation, eine Vereinigung aus 150 Nanounternehmen, ihren eigenen Markt im Jahr 2008, auf 1 Bill. Dollar im Jahr 2015. Die DG-Bank kommt in einer Studie auf einen Markt von „nur“ 220 Mrd. Dollar im gleichen Zeitraum. Und hinter dieser Zahl verbirgt sich auch nur die Umsatzschätzung für alle Branchen, in denen Produkte mit Nanotechnologie verkleinert, verfeinert und damit besser gemacht werden können.

Über den direkten Markt für die Produkte der Nanotech-Firmen spricht niemand. Zu klein, zu wenig messbar scheint diese Zahl zu sein. Und die Nanofirmen selbst sind so klein wie ihr eigentlicher Markt, so klein wie die Partikel, mit denen sie die Materialwissenschaft – denn nicht mehr und nicht weniger ist Nanotechnologie – revolutionieren wollen. Beispiel Biophan: Das Unternehmen versetzt Herzschrittmacher mit Nanopartikeln, damit Patienten mit dem Gerät in der Brust endlich auch in Magnetfeldern der Mammografie untersucht werden können. Biophan-Chef Michael Weiner verspricht seinen Aktionären daher vollmundig, den Markt für Herzschrittmacher von 10 Mrd. Dollar erobern zu wollen. Dass für sein Unternehmen dabei höchstens 150 Mill. Dollar rausspringen, gibt er nur in der Fachpresse zu Protokoll. Biophan macht bislang kaum Umsätze, wird an der Börse aber heute schon mit 17 Mill. Dollar bewertet.

Längst setzen die Venture-Capitalfirmen auf Sie, verehrte Anleger, und pumpen Geld in alles mit Nano im Namen – 1,2 Mrd. Dollar allein im vergangenen Jahr. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte wollen sie Firmen wie Nanosys über die Börse an Sie verkaufen, vorausgesetzt, Sie spielen auch dann noch mit.

Liebe Anleger! Sie sind längst Teil einer neuen Bubble, der Nanobubble. Die Frage ist nur, wer von Ihnen noch investiert ist, wenn die Nanotechs im Februar Farbe bekennen und Ihnen ihre Ergebnisse vorlegen müssen – oder wenn die Fed die Zinsen erhöht.

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