Bulle & Bär
Wochenausblick: Fifty-fifty

Mathematik ist ein schwieriges Geschäft. In der Schule liegt das Fach auf der Beliebtheitsskala meist nur knapp vor Latein, Chemie oder katholischer Religion. Wenn überhaupt. Wer braucht schon Ableitungen und den Satz des Pythagoras? Interessant wird es erst, wenn es um Formeln und Zahlen geht, die einen im Alltag wirklich weiterbringen – so wie etwa bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

FRANKFURT. Die Chance auf einen Lottogewinn zum Beispiel liegt in Deutschland bei eins zu 14 Millionen. Das muss ein Tippspieler wissen, um einschätzen zu können, wie gut sein Geld angelegt ist. Vom Blitz getroffen zu werden dagegen ist sechs Mal wahrscheinlicher; die Chance, den Blitzschlag zu überleben, liegt bei 50:50. Angsthasen wird diese Information beruhigen.

Fifty-fifty ist Robert Doll zufolge auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktienmärkte ihren Tiefpunkt nun endlich erreicht haben. Doll ist Chefanlagestratege beim US-Vermögensverwalter Blackrock – und er ist in bester Gesellschaft. Denn etwa jedes zweite deutsche Geldhaus rechnet in seinem Ausblick für die neue Börsenwoche mit tendenziell steigenden Kursen.

Für Spieler ist das eine lukrative Quote, sehr viel besser als die beim Lotto. Und es gibt tatsächlich Indizien dafür, dass sich die Börsen nach dem rasanten Absturz der vergangenen Monate zumindest wieder etwas beruhigen. Ein negativer Ausblick eines Unternehmens hat nicht gleich den großen Ausverkauf zur Folge. Vor sechs Wochen war das noch anders; alles schien möglich, nichts war gewiss.

Dass es an der Börse wieder etwas ruhiger zugeht, lässt sich auch am VDax, dem Nervenbarometer der Börse ablesen. Je höher der Stand, desto größer die Volatilität. Nach den heftigen Kursausschlägen Anfang Oktober war der Angstindex auf deutlich über 80 Punkte geklettert. Mittlerweile ist er aber wieder auf rund 60 Punkte gesunken. Ein wenig Ruhe nach dem Sturm. Von seinem durchschnittlichen Niveau bei gut 15 Punkten ist er aber noch immer meilenweit entfernt.

Etwas Hoffnung macht auch die Tatsache, dass sich institutionelle Investoren wieder Schritt für Schritt positionieren. Die Zeiten für Schnäppchenjäger sind gut. Allerdings spekulieren viele darauf, dass die Kurse noch weiter fallen, um ein noch besseres Geschäft zu machen. Kleinanleger sollten dieses Spielchen nicht mitmachen. Selbst für Profis ist es nahezu unmöglich, den günstigsten Einstiegszeitpunkt abzupassen. Die Chance darauf dürfte kaum besser sein als auf einen Lottogewinn.

Besser ist es, den 31. Dezember dieses Jahres nicht aus dem Blick zu verlieren. Bis dann nämlich gilt das Steuerprivileg für Aktien. Kursgewinne sind nach einem Jahr steuerfrei, wenn sie vor diesem Termin gekauft wurden. Für Papiere, die erst im kommenden Jahr ins Depot gepackt werden, gilt das nicht. Bei deren Verkauf holt sich der Fiskus 25 Prozent Abgeltungsteuer.

Auf das jetzige Dax-Niveau angerechnet heißt das, es würde sich erst lohnen, auf den Steuervorteil zu verzichten, wenn der Dax unter 3 600 Punkte fällt.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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