Bulle & Bär
Zertifikate: Namen sind Schall und Rauch

Zertifikate? Das sind doch die mit den immer länger werdenden, vor Anglizismen strotzenden Namen“, witzelte neulich ein Kollege. „Wer blickt denn da eigentlich noch durch?“ Zugegeben, bei „Deep Momentum“, „Best Unlimited Turbos“, „Outperformance Protect Capped“ und „Rollover Double Chance Zertifikaten“ fällt das mitunter schwer.

Zertifikate sind von Banken begebene Inhaberschuldverschreibungen, deren Rückzahlung von der Kursentwicklung anderer Finanzinstrumente wie beispielsweise Aktien oder Rohstoffe abhängen. Insbesondere Kleinanleger haben Zertifikate für sich entdeckt, da sie mit diesen Produkten Anlageideen auch auf Märkten umsetzen können, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten. Derzeit gibt es über 100 000 dieser verbrieften Derivate, das sind mehr als dreimal so viele wie vor drei Jahren. Alle paar Tage kommen neue Produktkonstruktionen mit wohlklingenden Namen hinzu, die allerdings bei näherem Hinsehen oft nur wenig, manchmal auch gar keinen Mehrwert gegenüber der bereits bestehenden Zertifikate-Palette bieten. Ein Beispiel: Hebelzertifikate sind je nach Anbieter als Turbos, Knock-Outs, Waves oder Mini-Futures im Umlauf. Es handelt sich jedoch immer um dasselbe Produkt.

Viele Namen für ein und dasselbe Produkt sorgen lediglich für Verwirrung. Dabei lassen sich 90 Prozent aller Produkte in zehn Grundtypen wie beispielsweise Discount-, Bonus- oder Hebelzertifikate einteilen. Wenn sich der Anleger darauf verlassen kann, dass hinter einer bestimmten Zertifikatebezeichnung immer exakt dieselbe Rückzahlungsart steckt, müsste er nur die individuellen Kontraktbedingungen wie beispielsweise Laufzeit und Bezugsverhältnis beachten, um sich ein aufschlussreiches Urteil über das jeweilige Zertifikat bilden zu können. Mit einfachen Mitteln wäre der komplexe Zertifikatemarkt dann übersichtlicher, heißt es in einem aktuellen Diskussionspapier des Grünen-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick zur Transparenz auf dem Zertifikatemarkt.

Das Deutsche Derivate Institut, das für heute übrigens Interessierte und Emittenten zum Deutschen Derivate Tag nach Frankfurt eingeladen hat, hat für seine Marktstatistiken bereits Produktklassen gebildet, die eine erste Orientierung bieten. Einerseits haben sich die Emittenten zwar verbal bereits für mehr Transparenz ausgesprochen, andererseits profitieren sie jedoch auch von der derzeitigen unübersichtlichen Situation. Ermöglicht diese ihnen doch zumindest theoretisch, mit Zertifikaten im Vergleich zu anderen Finanzprodukten höhere Preise und damit auch höhere Gewinnmargen zu erzielen. Emittenten sollten dennoch freiwillig auf verwirrende Namen verzichten. Schließlich können einheitlichere und leichtere Produktnamen Zertifikaten zu noch mehr Akzeptanz verhelfen. Denn auf Dauer werden Anleger nur die Produkte kaufen, die sie auch wirklich verstehen.

Quelle: Heike Herbertz
Petra Hoffknecht
Handelsblatt / Redakteurin
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