Bulle & Bär
Zertifikate: Selbstvertrauen in der Krise

Die deutsche Zertifikate-Branche gehört zweifellos zu den Verlierern der Finanzkrise. Seit der Pleite von Lehman Brothers vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein selbst erklärter Finanzexperte öffentlich auf Zertifikate einprügelt. Dass die Kritik an Zertifikaten nur zum Teil zutrifft, spielt keine Rolle. Das Image der Branche ist am Boden.

DÜSSELDORF. Aus den vor kurzem noch boomenden Anlageprodukten, die viele Deutsche gar nicht kannten, sind – so scheint es – binnen Wochen hochriskante Teufelspapiere geworden, vor denen jeder gewarnt werden muss. In seiner Not klammert sich der Deutsche Derivate Verband (DDV) als Sprachrohr der Emittenten an jeden Strohhalm: „Anleger vertrauen Zertifikaten weiterhin“, verkündete der Verband am Freitag in einer Pressemitteilung. Er berief sich auf eine Online-Umfrage des Handelsblatts, in der 19,2 Prozent der teilnehmenden Nutzer Zertifikate als die Geldanlage nannten, der sie aktuell am meisten vertrauen. Besser schnitten nur Tages- und Festgeldanlagen ab, die fast jeder Vierte favorisiert. Aktien (7,2 Prozent) und Fonds (3,4 Prozent) hingegen landeten unter ferner liefen.

Ein wirklich gutes Ergebnis für Zertifikate – so gut, dass es schon wieder Zweifel weckt. Da der Handelsblatt-Umfrage wie jeder Online-Befragung das Problem mangelnder Repräsentativität anhängt, schreit das Ergebnis nach einem genaueren Blick.

Und der bringt Bemerkenswertes zum Vorschein: Ihr gutes Ergebnis in der über mehrere Tage laufenden Befragung verdanken Zertifikate einem plötzlichen Stimmungsumschwung der Anleger. Während am Dienstag und Mittwoch von insgesamt rund 2 500 Teilnehmern nur knapp ein Prozent Vertrauen in die Produkte äußerte, schoss der Zuspruch am Donnerstagmorgen in ungeahnte Höhen. Binnen weniger Stunden stimmten mehrere Hundert Nutzer für Zertifikate. Interessant ist ferner, dass Analysen zufolge die überwiegende Mehrheit der Stimmabgaben am Donnerstag aus den Rechner-Netzwerken großer Banken mit nennenswertem Zertifikategeschäft erfolgte.

Alles Zufall? Der DDV bleibt auf Anfrage bei seiner positiven Sicht: „Wir freuen uns über das Ergebnis“, sagt Geschäftsführer Lars Brandau. „Auch wenn eine Online-Umfrage in einer Wirtschaftszeitung nicht repräsentativ für den Querschnitt der Bevölkerung sein mag, zeigt sie doch, dass der Kreis der Teilnehmer über ein hohes Maß an Wirtschafts- und Finanzwissen verfügt und dass das Vertrauen in Zertifikate intakt ist.“

Dies in Kombination mit der Analyse der Umfrage ergibt folgenden Schluss: Menschen, die in Banken arbeiten, verfügen über ein hohes Maß an Wirtschafts- und Finanzwissen. Und ein hohes Selbstvertrauen, sprich: Vertrauen in die eigenen Zertifikate, haben sie auch. Das ist fürwahr eine gute Nachricht. Wo kämen wir denn hin, wenn Banken ihren Kunden Produkte verkaufen, an die sie selber nicht glauben?

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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