China würde bei einer Währungsaufwertung mehr verlieren als gewinnen
Renminbi im Kreuzfeuer

Der Druck auf China, den an den Dollar gekoppelten Renminbi aufzuwerten, wächst. Japans Finanzminister Masajuro Shiokawa wiederholt die Forderung wie eine Gebetsmühle. US-Finanzminister John Snow will gar nach Peking reisen, um mit den Chinesen darüber zu sprechen.

PEKING. Abgeordnete in Washington beschuldigen China, mit der Waffe eines billigen Renminbi in den USA Arbeitsplätze zu zerstören. Bis zu 40 Prozent soll die Währung einigen Kalkulationen zufolge unterbewertet sein.

Die Forderungen, denen sich auch EU-Kommissionspräsident Romano Prodi angeschlossen hat, sind jedoch durchsichtig und nicht stichhaltig. In den USA naht die nächste Präsidentenwahl. Lobbygruppen marschieren im Parlament auf und fordern besseren Schutz ihrer Industrien. Dabei schüren sie Feindbilder, unabhängig vom ökonomischen Wahrheitsgehalt. Und der Renminbi ist ein idealer Sündenbock für hausgemachte Probleme. Beispiel Japan: Die Regierung interveniert an den Märkten, um den Yen bei sinkendem Dollar nicht zu stark werden zu lassen. Doch in Wahrheit gewinnen viele japanische Exportfirmen dadurch wieder internationale Konkurrenzfähigkeit, dass sie massiv ins benachbarte China auslagern.

Und schließlich ist der Renminbi ohnehin in aller Munde, weil er bald zur offiziellen Offshore-Währung in Hongkong aufsteigen dürfte und die Weltbank Renminbi-Anleihen begeben will. Auch beim APEC-Gipfel im September in Thailand dürfte er weit oben auf der Tagesordnung stehen.

Doch es bedarf einiger Klarstellungen, um die Mythen, die sich um den Renminbi ranken, zu beseitigen. Denn Chinas Exportwalze wird nicht von Wechselkursen angetrieben, sondern von billigen Arbeitskräften, verbesserter Infrastruktur, steigender Produktivität und höherer Qualität der Produkte. Mehr noch: Fast 60 Prozent der Ausfuhren des Landes stammen aus Niederlassungen US-amerikanischer, japanischer und europäischer Firmen. Die Flutwelle billiger made-in-china-Produkte trägt zur Hälfte die Stempel westlicher Firmen.

Chinas wachsender Handelsüberschuss mit den USA – im vergangenen Jahr 103 Mrd. Dollar – hat andere Ursachen als die Währung. Das Land liefert mehr nach Amerika, weil Exportfirmen aus anderen Teilen der Welt ihre Produktion dorthin verlagern. Mehr noch: Chinas wachsender Anteil im Handel mit den USA geht zu Lasten anderer asiatischer Länder. Unter dem Strich bleibt das US-Defizit mit Asien aber weitgehend gleich. Die chinesischen Exporte zerstören auch nicht in nennenswertem Umfang Arbeitsplätze in Übersee. Einfuhren aus China machen in den USA nur 1,5 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus. Das ist nicht gerade ein Großangriff auf die dortige Industrie.

Doch China hat bei einer Aufwertung derzeit mehr zu verlieren als zu gewinnen. Das Land hat soziale Stabilität zur obersten Priorität gemacht. China muss in den nächsten Jahren jeweils über 20 Millionen Arbeitsplätze schaffen, um Unruhen zu vermeiden. Wenn es seine Exporte mit höheren Preisen belastet, könnte ein Teil der wirtschaftlichen Dynamik verloren gehen. Die Importe würden dann auch leiden. Das riesige Boomland erwirtschaftet aber mit allen asiatischen Nachbarn Defizite und heizt so die Konjunktur im gesamten Kontinent an. Eine Aufwertung würde diesen Effekt dämpfen.

Außerdem: Lässt China irgendwelche Zweifel an seiner strikten Position, den Renminbi keinesfalls aufzuwerten, wird es noch stärker als bisher mit einem Malstrom rückkehrenden Fluchtkapitals überschwemmt, der die Konjunktur zurzeit gefährlich überhitzt. Daher ist Ministerpräsident Wen Jiabao ernst zu nehmen. Er sagte vor wenigen Tagen in der bislang prominentesten Reaktion Chinas zu den wachsenden Forderungen, eine Aufwertung stehe nicht auf der Tagesordnung. Vorerst wird es dabei auch bleiben, denn China hat Spielraum, den es vor einer Aufwertung nutzen kann. Es fördert Importe, es reduziert die Steuersubvention für Exporte, es bremst nun mit restriktiverer Kreditpolitik jene Dampfwalze, die scheinbar den ganzen Globus überschwemmt. Erst wenn diese Mittel ausgeschöpft sind und der Druck weiter wächst könnte China sich entscheiden, den Renminbi in einem Währungsband innerhalb enger Grenzen schwanken zu lassen. Das dürfte nicht vor dem kommenden Jahr passieren.

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