Der Dax hat zum Glück mit Deutschland wenig zu tun
Große, weite Welt

Ob ISM-Einkaufsmanagerindex, Lagerbestände oder wöchentliche Anträge auf Arbeitslosenhilfe – US- Konjunkturdaten bewegen deutsche Aktien. Sie treiben den Deutschen Aktienindex (Dax) sogar stärker an als die großen Indizes in den USA selbst.

DÜSSELDORF. Umgekehrt lassen heimische Erwerbszahlen oder der zumindest in der Volkswirtschaft viel beachtete Ifo-Geschäftsklima-Index den Dax kalt. Wer soviel Abhängigkeit von den USA als vorauseilendem Gehorsam abtut, irrt aber. Deutsche Aktien sind zu Recht von den Daten aus der großen, weiten Welt abhängiger als von den soliden und statistisch oft viel zuverlässigeren Zahlen vor der eigenen Haustür.

Großes Jammern über die Amerika-Hörigkeit hilft aber nicht weiter. Auch der neidische Blick auf andere Indizes wie den großen Nikkei oder den kleinen RTX bringt nichts. Japanische und russische Indizes führen ein größeres Eigenleben und kümmern sich wenig um die tägliche Zahlenflut aus den USA – deren Aussagekraft obendrein gering ist, weil die Daten Wochen später oft gründlich revidiert, also korrigiert werden.

So steigen japanische Aktien vor allem dann, wenn Tankanbericht oder „Diffusionsindex“ aus Tokio gut ausfallen. Russische Titel werden vom steigenden Ölpreis und Moskauer Regierungserfolgen im Kampf gegen Korruption und Terror stärker beflügelt als durch alle US-Wirtschaftsstatistiken zusammengenommen. Es scheint also, als ob diese jeden Nachmittag ausschließlich für deutsche Anleger und den Dax veröffentlicht werden, denn selbst der Dow Jones, der S&P-500 und die Technologiebörse Nasdaq reagieren oft gar nicht auf die Datenflut.

Doch verrückt spielt die deutsche Börse deshalb noch lange nicht. „Mit dem Inland hat der Dax eigentlich gar nichts zu tun“, meint Gertrud Traud von der Bankgesellschaft und trifft damit wohl ins Schwarze. Warum sollen BMW, Daimler-Chrysler und Siemens auf den Ifo-Index reagieren, wenn die Konzerne den Großteil ihrer Umsätze und Gewinne im Ausland erwirtschaften? „Auch die die deutsche Politik spielt keine Rolle“, fügt Traud hinzu und meint damit, dass Neuverschuldung, Wirtschaftsflaute, Rentenkürzungen, heiße Gewerkschaftsreden, ja sogar Dosenpfand, Maut und Windenergie deutsche Aktienkurse vollkommen unberührt lassen.

Zusammensetzung macht Dax zum Spiegelbild

Neben der starken Exportlastigkeit der meisten deutschen Großunternehmen spielt auch die Zusammensetzung des Dax mit seinen vielen Technologie- und konjunktur- empfindlichen Titeln der amerikanischen Zahlenhörigkeit in die Hände. Anders als beispielsweise mit Royal Dutch im niederländischen AEX fehlen im Dax stabilisierende Schwergewichte, die als Puffer an schwachen Börsentagen große Verluste schwankungsanfälliger Technologiewerte auffangen und damit den Gesamtindex in einigermaßen ruhigem Fahrwasser halten.

Seine Zusammensetzung macht den Dax zu einem Spiegelbild, ja Seismographen der Weltkonjunktur – mehr als alle anderen großen Indizes. Erholt sich die Wirtschaft insgesamt, steigen die Kurse – schwächelt sie, sinken die Notierungen. So einfach.

Sage da noch jemand, die deutsche Börse führe kein Eigenleben. Sie führt das Leben der großen, weiten Weltwirtschaft mit all ihren geopolitischen Risiken, aber auch all ihren – und im Moment sehr großen – Chancen auf eine Fortsetzung des globalen Aufschwungs. Weil dieser im laufenden und kommenden Jahr vermutlich bei rund vier Prozent liegt, wird der Dax kräftig nach oben getrieben. Allein in den letzten zwölf Monaten um gut 80 Prozent. Aktionäre sollten sich deshalb freuen, dass die nicht einmal halb so starke Belebung in Deutschland, aber auch Ifo, Arbeitsmarktzahlen und der Kanzler so wenig Einfluss auf heimische Aktien haben.

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