Der Deutschen Börse fehlt ein Wachstumsmotor
Die Casino-Aktie

Lange Zeit war die Deutsche Börse unter den großen deutschen Finanzwerten ein Fels in der Brandung. Während die Aktien der Großbanken von Krisenszenarien und Übernahmespekulationen mal nach unten, mal nach oben katapultiert wurden, konnte sich die Börse als solides Unternehmen mit klaren Wachstumsperspektiven profilieren.

HB FRANKFURT/M. Damit scheint es fürs Erste vorbei. Zwar gilt der Finanzmarktbetreiber immer noch als solides Investment, doch die Wachstumsstory hat einige Kratzer abbekommen. Deutlich wurde dies in den Tagen vor den vergangenen Montag veröffentlichen Halbjahreszahlen. Aus Angst vor schlechten Daten prügelten Anleger den Dax-Wert binnen weniger Tage um acht Prozent herunter. Zwar erholten sich die Papiere wieder leicht, nachdem die Bilanz nicht ganz so schlecht ausfiel wie befürchtet und das Management das Gewinnziel für dieses Jahr bekräftigte. Besonders ehrgeizig ist die Vorgabe ohnehin nicht: Lediglich der Vorjahresgewinn soll wiederholt werden.

Es zeigt sich, dass die Börse doch nicht so unabhängig vom Umfeld am Aktienmarkt ist wie das Management sich wünscht. Lange Zeit schien es, als ähnele die Börse der Bank im Spielcasino: Egal, ob die Kurse fallen oder sinken – die Börse gewinnt immer. Das ist im Prinzip auch richtig, weil die Anleger nicht nur in der Hausse sondern auch in der Baisse lebhaft handeln und damit der Börsenkasse klingen lassen. In den vergangenen Monaten aber herrschte das denkbar ungünstigste Börsenklima: Ein Seitwärtsmarkt ohne klare Tendenz, der an den Nerven der Anleger zerrt und sie vom Handeln abhält. Das wird sicher nicht immer so bleiben – wie die vergangene Woche ja bereits gezeigt hat. Das Management um Vorstandschef Werner Seifert ist zuversichtlich, dass der Aktienhandel allein schon saisonbedingt zwischen September und November wieder an Schwung gewinnt. Doch immer deutlicher tritt ein zweites Problem zu Tage: Es fehlt ein echter Wachstumstreiber. Diese Funktion erfüllt bisher auf beeindruckende Weise die Terminbörse Eurex. Zuverlässig lieferte die weltgrößte Derivatebörse einen Umsatzrekord nach dem anderen. Jetzt aber zeichnen sich erste Bremsspuren ab. Im Juni und Juli lag der Umsatz an der Eurex erstmals in zwei aufeinander folgenden Monaten niedriger als im Vorjahr. Zwar gehen alle Experten davon aus, dass der weltweite Derivatehandel auf Jahre hinaus ein Wachstumsmarkt bleiben wird. Aber so schnell wie in den letzten Jahren dürfte die Eurex kaum zulegen.

So kommt etwa die Expansion in den USA bisher nur schleppend voran. Erst erschwerten protektionistische Grabenkämpfe der amerikanischen Terminbörsen den Start der Eurex US, dann bleiben die Umsätze hinter den Erwartungen zurück. Eine Senkung der Handelsgebühren hat das Geschäft in den letzten Wochen zwar deutlich belebt. Aber ob die US-Börse tatsächlich einmal der erhoffte große Ertragsmotor wird, ist noch längst nicht ausgemacht. Dies gilt erst recht für Seiferts zweites großes Vorhaben, den Einstieg in das Clearing außerbörslicher Geschäfte. Die Gespräche mit potenziellen Kunden dauern an, heißt es lapidar. Ungewiss ist schließlich auch, ob die Börse bei ihrem Versuch zum Zuge kommt, die Schweizer Börse zu übernehmen. Eine Einladung zu Gesprächen wurde kürzlich nach Zürich geschickt – die Antwort steht noch aus.

Angesichts der vielen Fragezeichen ist es kein Wunder, dass Analysten wie die der ING BHF-Bank die Aktie in die Kategorie „Aktie mit geringem Wachstum“ einordnen. Überdies nahmen viele Analysten nach den Halbjahreszahlen vorsichtshalber ihre Kursziele zurück. Allerdings ist die Aktie mit einem Kurs-GewinnVerhältnis von 13 mittlerweile so billig, dass nach Angaben des Informationsdienstleister Bloomberg vier von fünf Analysten zum Kauf raten. Doch um der Aktie neuen Schwung zu verleihen, müsste zumindest eine der drei Wachstumsinitiativen einschlagen. Bis dahin bleibt Seifert nur die Hoffnung, dass die Aktienkurse weiterhin in Bewegung bleiben – und sei es nach unten.

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