Der Livedoor-Schock und die Folgen
Auf dem Boden der Realität

TOKIO. Gerade einmal zwei Wochen ist es her, da war überall von Panik an der Tokioter Börse die Rede. Der Bilanzskandal eines Internetunternehmens und das überlastete Computersystem der Tokioter Börse ließen die wichtigsten Indizes innerhalb von zwei Tagen um mehr als 5 Prozent in die Tiefe sausen. Vertrauensverlust in den Börsenplatz Tokio, hieß es. Am Montag dann, gerade einmal zwei Wochen später, verbucht der Nikkei Index aus den 225 wichtigsten Aktienwerten mit 16 551 Punkten ein neues Fünfjahreshoch, als ob nichts passiert wäre.

Die Frage ist, was stimmt? War der so genannte Livedoor-Schock eine Chimäre? Nicht ganz, denn das Wachstumssegment der Tokioter Börse, an dem die Aktie des Internetunternehmens notiert war, kämpft immer noch mit Verlusten. Die enorme Bekanntheit des mittlerweile verhafteten Firmengründers Takafumi Horie hatte jedoch zusammen mit der Computer-Panne an der Börse dafür gesorgt, dass die Tragweite des Bilanzskandals überschätzt wurde – zumal die Tokioter Börse zu großer Volatilität neigt. Doch wie drückte es ein Analyst aus: „Livedoor ist nicht Enron.“ Und ein anderer meinte: „Eine kleine Blase ist geplatzt. Aber das ist nicht annähernd mit dem Platzen der IT-Blase 2000 zu vergleichen.“

Also munter weiter von einem Rekord zum anderen an der Börse? Der Livedoor-Schock war vielleicht ein Aufwecker zur rechten Zeit. Analysten sehen japanische Aktien bei den derzeitigen Kursständen als fair bewertet. Die Raten des Gewinnwachstums der Unternehmen könnten, auch wenn die Gewinne absolut gesehen steigen, sinken. Das heißt, dass nach der Aufholjagd an der Börse in vergangenen Jahren, nun keine allzu großen Sprünge mehr zu erwarten sind. Die meisten Fonds, die noch vor zwei Jahren untergewichtet waren in japanischen Aktien, sind es nicht mehr.

Und wenn das Ende der Deflation in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft in den Aktienkursen wirklich schon eingepreist sein sollte - worüber allerdings die Meinungen auseinandergehen –, dann könnte ein Anziehen der Zinsen durch die japanische Notenbank vielleicht schon in diesem Jahr als gehöriger Dämpfer auf die Kurse wirken.

Japans Wirtschaft wächst derzeit überzeugend, die Fundamentaldaten sind robust, wie auch die gestrigen Daten zur Industrieproduktion zeigten. Aber die Wirtschaft wächst sozusagen immer noch im Gewächshaus – zu Sonderbedingungen mit einem Diskontsatz von 0,1 Prozent. Die Realzinsen sind negativ, Geld gibt es in Japan quasi kostenlos.

Das sind die besten Voraussetzungen für das Entstehen einer neuen Spekulationsblase. Und mit dem vermehrten Einstieg der Privatanleger in den Aktienmarkt ist die Gefahr dafür in der Tat gegeben. Doch für die zockende Hausfrau und andere allzu euphorische Anhänger der japanischen Börse war der Livedoor-Skandal ein Realitätsschock, der nötig ist, um Exzesse zu vermeiden.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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