Der LSE-Deal dürfte der Börse erst mittelfristig nutzen
Stochern im Nebel

Auch zwei Wochen nach dem ersten Angebot der Deutschen Börse für die London Stock Exchange (LSE) sind noch unzählige Fragen offen. Wie wird das Gegenangebot der in Paris ansässigen Vierländerbörse Euronext aussehen? Wie stark muss Deutsche-Börse-Boss Werner Seifert beim Preis nachbessern? Ködert er die Briten mit dem Angebot, den Sitz des vereinigten Handelsplatzes an die Themse zu verlegen? Werden die Wettbewerbshüter in Brüssel den Zusammenschluss blockieren?

Solange die Antworten auf diese Fragen ausstehen, stochern die Anleger im Nebel. Sicher ist bisher nur, dass Seifert zunächst 1,95 Mrd. Euro geboten hat, was LSE-Chefin Clara Furse als zu niedrig abgelehnt hat. Anfang vergangener Woche kündigte dann Euronext an, in die Gespräche einzusteigen. Von den ersten Verhandlungen zwischen Furse und Seifert am vergangenen Mittwoch ist nichts bekannt geworden, außer dass Seifert den Umzug der Terminbörse Eurex nach London angeboten haben soll – dann mit Furse an der Spitze.

Entsprechend vorsichtig bewerten die Analysten den Deal. Nirgendwo fehlt der Hinweis, dass die Unsicherheit groß sei, dass es sich bei den Berechnungen um erste, vorsichtige Annahmen handele und dass die Szenarien angepasst würden, sobald mehr Details vorliegen.

Dass ein Zusammenschluss Sinn ergeben würde, wird nicht bezweifelt. Schließlich wird die Konsolidierung der europäischen Börsen seit Jahren angemahnt. Die Fusion verspricht Synergien, weil im Geschäft der modernen Börsen die Masse zählt. Die elektronischen Handelsplattformen gewinnen mit jeder zusätzlichen Transaktion an Effizienz. Auch den Anlegern käme die Fusion entgegen: Die Liquidität steigt.

Trotz all dieser Vorteile dürfte die Übernahme die Aktie der Deutschen Börse kurzfristig eher belasten. Alle Zeichen deuten auf einen Bieterwettkampf. Sowohl in Frankfurt als auch in Paris wird London, der mit Abstand wichtigste europäische Börsenplatz, als Schlüssel für künftiges Wachstum gesehen. Wer leer ausgeht, der könnte mittelfristig in der Bedeutungslosigkeit versinken. Das wird beide Interessenten dazu verleiten, den Preis in die Höhe zu treiben. Sie laufen Gefahr, so viel zu bezahlen, dass es lange dauert bis sich die erwarteten Synergien auszahlen.

Nach der ersten Überraschung – zunächst sprachen die Analysten fast einstimmig von einem überteuerten Angebot – sehen die Beobachter im Gerangel um die LSE aber noch ein wenig Luft nach oben. Johannes Thormann, Analyst der WestLB, der in seinem ersten Kommentar die 5,30 Pfund je Aktie als „viel zu viel“ gegeißelt hatte, kommt nach genaueren Berechnungen zu dem Schluss, dass sich der Deal für die Deutsche Börse sogar rechnet, wenn sie etwas mehr als sechs Pfund bezahlt. Immerhin notierte das LSE-Papier zwischenzeitlich schon bei 5,85 Pfund. Der Preis könnte also noch deutlich höher klettern.

Die Finanzierung des Deals sollte für die Deutsche Börse kein Problem werden, wenn sie zum Zuge kommt – allerdings müssen Aktionäre bedenken, dass eine Kapitalerhöhung mit Verwässerungseffekten einhergeht.

Auch die Kosteneinsparungen werden den Aktionären erst einmal nicht voll zugute kommen. Branchenkenner gehen bei Börsen-Fusionen von durchschnittlich zehn bis 15 Prozent Einsparungen aus. Seifert hat bereits deutliche Preisnachlässe in London angekündigt.

Für die Aktionäre der Deutschen Börse bleibt die Schlacht um die LSE ein gefährliches Spiel. Zumal Investmentbanker damit rechnen, dass sich die Entscheidung noch bis weit ins zweite Quartal hinein hinziehen könnte. Die Reputation der Londoner und die langfristigen Perspektiven hin oder her: In den nächsten Wochen wird es mit der Aktie der Deutschen Börse wohl eher abwärts oder im besten Fall seitwärts gehen.

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