Der überbordende Optimismus birgt Crash-Gefahren
Wie die Lemminge

Die Finanzmärkte erweisen sich mal wieder als paradoxer Mechanismus. Am Freitag bewiesen die neuesten US-Arbeitsmarktzahlen selbst dem letzten Pessimisten, dass die amerikanische Wirtschaft sich erholt. Für Aktionäre sollte das eine gute Nachricht sein. Doch wie reagierten die Börsen? Sie brachen weltweit ein.

NEW YORK. Und nun steht an dieser Stelle die Warnung, dass die Kurse in nächster Zeit weiter sinken dürften. Manche Experten wie Chartanalyst Robert Prechter vom US-Aktienbrief „Elliott-Wellen-Theorie“ warnen bereits von einem Crash wie im Oktober 1987. Tobias Levkovich, Chefstratege der weltgrößten Bank Citigroup, erwartet, „dass der US-Aktienmarkt bis zum Sommer um rund zehn Prozent fällt“. Für die US-Technologiebörse Nasdaq prognostiziert Levkovich krassere Rückschläge. Er sagte immerhin das gute Aktienjahr 2003 richtig voraus.

Gewiss, andere Bankexperten tun die jüngsten Verluste als vorübergehende Kurseinbußen ab. Doch die Pessimisten haben gute Argumente. „Am gefährlichsten ist der übertriebene Optimismus der Anleger und Analysten“, sagt ein Hedge- Fonds-Manager aus Washington. So korrigierten die Bankanalysten ihre Gewinnschätzungen für die größten US-Unternehmen im Mai um fast ein Drittel nach oben. Das war der größte Aufwärtssprung seit 16 Jahren. Gefährlich ist dies, weil Investoren und Analysten ihre Erwartungen immer höher schrauben. Irgendwann können die Firmen sie nicht mehr erfüllen, geschweige denn übertreffen. Das könnte in der nächsten Quartalsbericht-Saison passieren, die in wenigen Wochen beginnt.

Die schier grenzenlose Zuversicht vieler Anleger schloss bislang auch die Anleihemärkte ein. Niedrige Anleiherenditen stützten jahrelang die Aktienmärkte. Denn sie ließen die ebenfalls mickrige Dividendenrenditen von Aktien vergleichsweise akzeptabel erscheinen. Offenbar dachte kaum jemand daran, dass die historisch niedrigen US-Leitzinsen von einem Prozent nicht ewig dort verharren. Doch seit kurzem deutet US-Notenbankchef Alan Greenspan an, dass er die Leitzinsen bald anhebt. Das muss der oberste US-Währungshüter tun, damit das stabile Wirtschaftswachstum in den USA keine Inflation auslöst.

Diese schlichte Wahrheit riss die Anleihemärkte vergangenen Freitag nach unten. Denn die Arbeitsmarktzahlen bestätigten die Konjunkturstärke – und damit die Dringlichkeit einer Zinserhöhung. Der erwartete Anstieg der kurzfristigen Leitzinsen trieb auch die Renditen langfristiger US-Anleihen nach oben. Die Kurse brachen entsprechend ein.

Diese fundamentalen Faktoren allein lösen allerdings noch keinen Crash aus, der allgemein als Kursrutsch um 20 Prozent in wenigen Tagen definiert ist. Dafür müssen viele Investoren herdenartig in die gleiche Richtung laufen. Gut möglich, dass dies bald passiert. Denn eine Reihe professioneller Anleger wie Banken und Hedge-Fonds hat sich kurzfristig Geld geliehen und es in langfristige Anleihen investiert. Das bringt satte Erträge, so lange die kurzfristigen Zinsen niedriger als die langfristigen sind. Steigen jedoch die Zinsen am so genannten kurzen Ende stärker als am langen Ende, dann geraten Investoren in die Klemme. Sie müssen ihre Position, womöglich mit Verlust, verkaufen. Genau das passiert gerade an den Anleihemärkten. Gleichzeitig stellen viele Anlageprofis auch ihre Wetten an den Aktien- und Devisenmärkten glatt, um das Verlustrisiko zu begrenzen.

Die Folge sind heftige Kursschwankungen an sämtlichen Finanzmärkten. Diese Schwankungen können sich im ungünstigsten Fall selbst verstärken. Denn ihr Risiko messen viele Aktienhändler und Investmentbanken an der maximalen Summe, die sie bei gegebenen Marktschwankungen an einem Tag verlieren können. Wenn jedoch alle gleichzeitig ihre Positionen glatt stellen wollen, lösen sie damit zusätzliche Schwankungen aus, die wiederum das Risiko erhöhen und weitere Glattstellungen erfordern.

Die Kursschwankungen der vergangenen Tage könnten somit der Auftakt zu einer längeren Phase turbulenter Weltfinanzmärkte sein. In einer solchen Phase leiden in der Regel risikoreiche Anlageformen wie Aktien und Schwellenländer- Anleihen. Risikoscheue Anleger sollten ihr Portfolio sturmfest machen.

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