Deutsche Aktien haben ihre Spitzenpositionen in Europa eingebüßt
Den Vorteil verspielt

Es ist noch gar nicht lange her, da herrschte am deutschen Aktienmarkt so etwas wie Aufbruchstimmung. Die politischen Diskussionen um Änderungen der Steuer-, Arbeits- und Rentengesetze schufen am Markt die Hoffnung, dass der chronische Reformstau in Deutschland schon bald aufgelöst werde – mit positiven Folgen für die Konjunktur und auch für den Aktienmarkt.

DÜSSELDORF. Vor allem internationale Investoren kehrten an die Frankfurter Börse zurück und sorgten durch ihre Käufe mit dafür, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) im Jahr 2003 mit einem Kursplus von mehr als 30 Prozent die Indizes anderer europäischer Börsenplätze hinter sich ließ.

Seine Vorreiterrolle in Europa hat der Dax inzwischen aber wieder abgegeben. Seit Anfang des Jahres tritt der Index ebenso auf der Stelle wie seine Pendants in London oder Paris. Die deutliche Untergewichtung von Allianz, Siemens und Co. in internationalen Portfolios ist inzwischen zwar einer neutralen Ausrichtung der Investoren gewichen. Für eine Übergewichtung Deutschlands reicht die Zuversicht der Anleger aber nicht aus. Zwar müht sich die Bundesregierung weiter um Reformen, der Glaube der Investoren an deren Wirksamkeit ist allerdings gesunken – zumal weitere Steuererleichterungen, die dem schwachen Konsum endlich Schwung geben könnten, nicht auf der Agenda stehen.

Auch abseits der politischen Ebene gibt es im Moment nicht viel, was deutschen Aktien im Vergleich mit den europäischen Wettbewerbern einen Vorteil verschafft. Der hohe Anteil zyklischer Aktien im Dax zahlt sich nicht mehr aus, seitdem die Investoren wieder auf die Risiken schauen und vermehrt defensive Positionen aufbauen. Dazu kommt, dass der Finanzsektor, der im vergangenen Jahr wesentlich zum Anstieg des Dax beigetragen hat, zurzeit ebenfalls keine Impulse mehr liefert. Getragen von Gerüchten um Fusionen und Übernahmen auf dem deutschen Bankenmarkt gehörten Commerzbank, Hypo-Vereinsbank und Deutsche Bank zu den Gewinnern des Jahres 2004. Inzwischen haben sich die Konsolidierungshoffnungen der Analysten allerdings abgeschwächt. Auch die anstehende Zinswende in den USA drückt auf die Aktienkurse deutscher Großbanken.

Schließlich ist selbst der schwächere Euro nicht ausschließlich positiv für deutsche Aktien. Im Vorjahr waren Anlagen in Euro für Investoren aus dem Dollar-Raum auch deswegen attraktiv, weil sie neben ordentlichen Kursgewinnen auch Währungsgewinne durch den steigenden Euro versprachen. Angesichts der schwer vorhersehbaren Entwicklung des Euros in näherer Zukunft fällt aber auch dieses Argument als Kaufanreiz für internationale Investoren weg.

Unter dem Strich erscheint eine überdurchschnittliche Entwicklung deutscher Aktien in den kommenden Monaten unwahrscheinlich. Weder die Bewertung noch die Gewinnentwicklung der Unternehmen sprechen dafür. Anleger, die immer noch verstärkt auf deutsche Aktien setzen, sollten diese Übergewichtung in ihren Depots abbauen. Alternativen gibt es auf den europäischen Märkten genug.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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