Deutsche Aktien verlieren europaweit an Einfluss
Nur noch zweite Liga

Die Szene erinnert an das Auftreten deutscher Vereine in europäischen Fußball-Wettbewerben. Wer in der heimischen Bundesliga eine herausragende Rolle spielt, geht in der Champions League oft sang- und klanglos unter. Beispiele gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. Ähnlich geht es derzeit den bedeutendsten deutschen Aktien in europäischen Vergleich.

FRANKFURT. Seit Mittwoch Abend steht fest, dass Bayer demnächst aus dem gesamteuropäischen Index Stoxx 50 fällt. VW muss seinen Platz im Euro Stoxx 50, dem maßgeblichen Index für die Eurozone, räumen. Die Zahl der deutschen Unternehmen im Stoxx 50 schrumpft damit auf acht. Im Euro Stoxx 50 sind nur noch elf deutsche Unternehmen vertreten.

Nun mag manch einer die Diskussion über die schwindende Bedeutung deutscher Aktien im internationalen Vergleich für übertrieben halten, hat doch SAP erst Ende Juli den Aufstieg in den Euro Stoxx 50 geschafft und dort den Platz der übernommenen Aventis eingenommen. Das wahre Ausmaß verdeutlichen jedoch folgende Zahlen: Den künftig nur noch acht deutschen Werten im Stoxx 50 stehen 15 britische gegenüber. Damit hält Deutschland zwar immer noch Platz zwei in der „Nationenwertung“, doch auch der ist gefährdet. Denn durch den Aufstieg von Société Générale ist Frankreich mit sieben Vertretern künftig nur knapp dahinter.

Im Euro Stoxx 50 – hier fehlen die britischen, dänischen, norwegischen, schwedischen und Schweizer Werte – hatte Frankreich mit 16 Vertretern sowieso seit langem die Spitzenposition inne. Die baut der Nachbar sogar noch aus, da Crédit Agricole für VW nachrückt.

Noch deutlicher wird der Abstand deutscher zu den maßgeblichen europäischen Werten, wenn deren Börsenwert miteinander verglichen wird. Hier rangiert Siemens als wertvollstes deutsches Unternehmen im Euro Stoxx 50 gerade noch auf Platz vier hinter Total, Royal Dutch und Telefónica. Im Stoxx 50 steht Siemens sogar nur auf Rang 16. Auf den ersten vier Plätzen stehen mit BP, HSBC, Vodafone und Glaxo Smith Kline britische Unternehmen. Zum Vergleich: BP wird an der Börse mehr als dreifach so hoch bewertet wie Siemens.

Dass der Abstand zur Spitze schon bald verringert werden kann, ist unwahrscheinlich. Dazu müssten die deutschen Blue Chips gewaltige Kurssprünge hinlegen, die so nicht zu erwarten sind. Gründe dafür gibt es viele. Die nur schleppend in Gang kommenden Wirtschaftsreformen behindern dabei ebenso wie die anhaltend schwache Binnennachfrage. Hinzu kommt die für den deutschen Aktienmarkt seit den Boomzeiten der Jahre 1999 und 2000 geradezu typische Schreckhaftigkeit: Fallen Konjunkturdaten in den USA unter den Erwartungen aus, verlieren Aktien in Frankfurt oft stärker als in New York.

Stellt sich noch die Frage, warum es für ein Unternehmen überhaupt wichtig ist, in einem der großen europäischen Indizes vertreten zu sein. Rund 430 Mrd. Euro sind nach Berechnungen des Indexbetreibers Stoxx an Produkte wie passiv gemanagte Fonds oder Derivate gekoppelt, rund 90 Prozent davon wegen des entfallenden Währungsrisikos an den Euro Stoxx 50, der Rest an den Stoxx 50. Wer also nicht mehr vertreten ist, bekommt auch kein Stück vom Kuchen ab. Und wer herausfällt, der muss zusätzlich mit einem fallenden Aktienkurs und folglich einem geringeren Börsenwert rechnen, da institutionelle Anleger entsprechend umschichten. Das Ziel vieler deutscher Unternehmen, künftig wieder eine bedeutendere Rolle in der Champions League spielen zu wollen, ist damit in noch weitere Ferne gerückt.

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