Die Börsenchancen des italienischen Milchriesen
Parmalat, neu

They never come back.“ Diese Binsenweisheit ist im Falle Parmalat nicht zutreffend. Denn der Milchriese aus Italien – mittlerweile Synonym für Pleite und Betrug – wird im ersten Quartal 2005 tatsächlich wieder an die Börse gehen.

Der Plan des Insolvenzverwalters Enrico Bondi macht auf den ersten Blick stutzig: Nur Idioten werden auch nur einen müden Cent in einen Konzern stecken, der den Ruf besitzt, die europäische Version des Skandalunternehmens Enron zu sein. Dieses Urteil ist indes vorschnell: Denn erstens benötigt Parmalat gar kein frisches Geld. Schließlich sieht Bondis Plan vor, die Schulden in Eigenkapital zu verwandeln, indem er die alten Gläubiger in künftige Aktionäre verwandelt. Zusätzliche Liquidität wird also dem Hersteller von Milch, Käse und Fruchtsaft gar nicht zugeführt. Und zweitens benötigt die Firma auch gar keine neuen Mittel: Sie soll nämlich bereits im nächsten Jahr wieder Gewinn machen – unterm Strich 120 Mill. Euro.

Klingt wie Zauberei, ist aber kein Hexenwerk. Denn es gibt durchaus auch Zahlmeister bei dem verzwickten Hütchenspiel. In erster Linie scheinen dies die Bond-Holder zu sein – also jene Investoren, die vor dem Bankrott Ende letzten Jahres in Anleihen des verschachtelten Milchimperiums investiert haben. Die besagten Papiere heißen beispielsweise „Parmalat Finance Corp. BV 6/04“ oder „Parmalat Capital Finance Ltd. 8/08“. Diese breit am Markt platzierten Obligationen stehen für rund zwei Drittel der Gesamtverschuldung in Höhe von 14 Mrd. Euro. Gemäß des Konversionsplans von Bondi werden die Schuldverschreibungen in den kommenden Monaten in Aktien der „Neuen Parmalat“ umgewandelt. Diese sollen dann an der Börse gehandelt werden.

Das Gros der Bondbesitzer wird berechnet auf Basis des künftigen Unternehmenswertes lediglich sieben bis elf des investierten Geldes wiedersehen. Für Bonds im Nennwert von 10 000 Euro erhalten die Anleger somit im schlechtesten Falle gerade mal Aktien mit einem theoretischen Wert von ein paar hundert Euro. Das macht keine Freude, und das ist auch der Grund, warum die Spannungen zwischen dem Insolvenzverwalter und den Bondinhabern zuletzt merklich gestiegen sind. Insbesondere gibt es Klagen, dass die einzelnen Wertpapierklassen gemäß dem extra für den Fall Parmalat verabschiedeten „Mar- zano-Gesetzes“ nicht einzeln über den Sanierungsplan abstimmen dürfen. Im Rahmen eines sogenannten „Konkordats“ ist lediglich die Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit jenseits der 50 Prozent nötig. Vor allem jene Anleihebesitzer, deren Umtauschquoten extrem ungünstig sind, argumentieren, dass sie im Falle einer Zerschlagung und Liquidation des Konzerns mehr Geld wiedersehen würden als bei der Umwandlung mit anschließendem Börsengang. Zudem würden die Banken – wie so oft bei Insolvenzen – gegenüber den Bondgläubigern bevorzugt.

Beide Argumente sind nachvollziehbar – dennoch verhält sich der Insolvenzberater Bondi im Prinzip richtig: Zum einen gibt es keinen Grund, ein Unternehmen zu zerschlagen, das bereits in kurzer Frist wieder Gewinne erzielen kann. Das Kerngeschäft der Milchvermarktung ist grundsätzlich gesund und wird nach der notwendigen internationalen Ausrichtung voraussichtlich branchenübliche Margen abwerfen. Es wäre dumm, das Unternehmen abzuwickeln, nur um die Befriedigungsrate einzelner Bondholder von zehn auf vielleicht 15 Prozent zu steigern.

Zweitens besitzt die Umwandlung der Anleihen in Aktien nicht nur Risiken, sondern auch Chancen: Falls sich die Geschäfte planmäßig entwickeln, sind Wertsteigerungen möglich, die den Verlust der Gläubiger schmälern könnten.

Drittens schließlich gibt es die große Unbekannte der Prozesse, die Parmalat in den kommenden Monaten gegen eine ganze Reihe internationaler Banken, von der Citigroup bis zur Deutschen Bank, unter anderem wegen Beihilfe zum betrügerischen Bankrott anstrengen wird. Bislang liegen Schadensersatzforderungen in Höhe von über 20 Mrd. Dollar auf dem Tisch, am Ende werden es voraussichtlich weit über 30 Mrd. Dollar sein. Geht auch nur eines der Verfahren positiv für Parmalat aus, dann sind der Phantasie für den Aktienkurs keine Grenzen mehr gesetzt.

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