Die Krise bei Merck & Co bietet auch Chancen
Voreilige Panik

Ein übler Sturm fegt derzeit über den US-Konzern Merck & Co hinweg. Seit der Pharmariese im September sein Schmerzmittel Vioxx vom Markt nahm, hat er mehr als ein Drittel oder gut 40 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren.

FRANKFURT. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Anschuldigungen publiziert werden. Justizbehörden und Börsenaufsicht ermitteln gegen das einstige Vorzeige-Unternehmen. Gestern musste das Management in einem Hearing vor dem US-Kongress Rede und Antwort stehen. Und bei manchen Analysten ist selbst der Ausdruck „Insolvenz“ nicht mehr tabu.

Für ängstliche Naturen gibt es also mehr als genug Gründe, einen weiten Bogen um die Merck-Aktie zu machen. Investoren mit ein wenig Akzeptanz für Risiko sollten sich indessen von der Panik um Merck nicht mitreißen lassen. Denn die Erfahrung lehrt, dass Krisen wie diese auch ihre Chancen bieten.

Zunächst zu den fundamentalen Daten: Mit dem Ausfall von Vioxx und dem nahenden Patentablauf beim Bestseller Zocor steht bei Merck & Co rund ein Drittel des bisherigen Umsatzes auf dem Spiel. Auf der anderen Seite darf nicht übersehen werden, dass Merck weiterhin über etliche wachstumsstarke Produkte verfügt und inzwischen auch einiges getan hat, um den Nachschub zu verbessern. Einen Teil der Ausfälle wird man also kompensieren können. Der Umsatz dürfte in den nächsten Jahren nicht allzuweit unter die Schwelle von 20 Mrd. Dollar sinken – genug für eine deutlich höhere Bewertung als die derzeitigen 60 Mrd. Dollar.

Bleibt die Frage nach den Schadensersatz-Risiken. Legt man die bisherige Börsenreaktion zugrunde, unterstellt der Markt Prozesslasten von etwa 30 Mrd. Dollar. Angesichts von Schätzungen, die Zehntausende von Herzattacken auf Vioxx zurückführen, mag das nicht einmal übertrieben erscheinen. Der entscheidende Vorwurf indessen, die Probleme seien seit Jahren erkennbar gewesen, basiert im wesentlichen auf so genannten Meta-Analysen, deren Aussagekraft umstritten ist. Die zugrunde liegenden Daten waren auch den Zulassungsbehörden bekannt. Extrem schwierig dürfte es für Kläger werden, Schädigungen kausal auf Vioxx zurückzuführen. Denn typische Nebenwirkungen wie Herzattacken sind aus vielerlei Gründen weit verbreitet.

Die rechtliche Position von Merck ist so gesehen bei weitem nicht so schwach, wie es manche Kommentare andeuten. Und eines seiner stärksten Abwehr-Argumente kann der Konzern gerade aus jener Studie ziehen, die zur Rücknahme des Mittels führte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich das Risiko erst nach 18 Monaten Behandlungsdauer erhöhte, was vorher nicht unbedingt erkennbar war.

Zu berücksichtigen bleibt schließlich, das die in solchen Fällen typische Asymmetrie in der Informationspolitik Kritikern und Anwälten derzeit starken Einfluss in den Medien verleiht. Mit bruchstückhaften Informationen können sie den Pharmakonzern mühelos in ein schlechtes Licht rücken. Ähnliche Erfahrungen musste Bayer vor zwei Jahren machen, nachdem man das Medikament Lipobay vom Markt genommen hatte. Wer sich damals einseitig an den Plädoyers der Klägeranwälte orientierte, mochte auf den Leverkusener Konzern nicht mehr viel geben. Im Verlauf des ersten Prozesses, den Bayer auf ganzer Linie gewann, zeigte sich dann ein ganz anderes Bild. Seither hat sich der Kurs des Konzerns mehr als verdoppelt.

Ein ähnlich glimpflicher Ausgang für Merck ist keineswegs garantiert. Aber die Chancen dafür sind womöglich größer als viele vermuten.

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