Die Microsoft-Aktie wird zur Kapitalanlage für Witwen und Waisen
Der Preis der Reife

Dass Microsoft über Monate hinweg mit SAP Fusionsgespräche führte, wie jetzt enthüllt wurde, war die Sensation zum Prozessauftakt der feindlichen Übernahme von Peoplesoft durch Oracle. Microsoft hatte wohl vermutet, dass der Prozess das Techtelmechtel ans Tageslicht bringen würde und den Markt vorsorglich in Kenntnis gesetzt. Dass die Nachricht weltweit Aufsehen erregte, verwundert nicht.

Immerhin wäre die Transaktion im Volumen von über 60 Mrd. Dollar die bei weitem größte Fusion in der Softwarebranche gewesen. Außerdem hätte die Fusion der führenden Anbieter von Software für Personalcomputer und für die Steuerung von Unternehmensfunktionen so etwas wie eine Naturgewalt in dieser Branche geschaffen. Erstaunlich ist die gelassene Reaktion der Aktienkurse beider Gesellschaften.

Bei Microsoft ist dies nicht einfach damit zu erklären, dass ehrgeizige Pläne scheiterten. Der Kurs der Microsoft-Aktie zog nach Bekanntgabe etwas an, fiel dann jedoch wieder ab. Schon seit einem Jahr dümpelt er ohne Elan zwischen 24 und 30 Dollar. Im Gegensatz zu jungen High-Tech-Wilden wie Ebay oder Yahoo ist in Microsoft seit längerem keine Musik mehr drin. Yahoo hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – eine wichtige Börsen-Kennziffer zur Bewertung einer Aktie – von Yahoo liegt bei 150. Ebay bringt es auf ein KGV von 107. Microsoft wird indes nur mit dem 40fachen des Gewinns bewertet. Der Konzern hat 57 Mrd. $ Geld in der Kasse. Das entspricht der Marktkapitalisierung von Ebay. Wen wundert es da, dass Microsoft- Gründer Bill Gates zur geplanten Emission des Internet-Suchdienstes Google entnervt erklärte: „Kaufen Sie ruhig, egal zu welchem Preis.“

Dass der Microsoft-Kurs mittlerweile so geringe Ausschläge zeigt wie der von General Electric, ist der „Preis der Reife“. Microsofts Marktstellung ist beneidenswert, die Gewinne sind traumhaft und die Liquidität phantastisch. Aber: Die Wachstumsphantasien vergangener Jahre sind dahin. Trotz voller Kassen sind spektakuläre Übernahmen ausgeschlossen, weil das Unternehmen nach den Sünden der Vergangenheit auf allen wichtigen Märkten im Schwitzkasten argwöhnischer Kartellaufseher steckt. Die Veröffentlichung des SAP-Vorstoßes muss Microsoft Pein bereitet haben. Der Markt erhält Einblick in die Strategie. Sichtbar wird, wie eng der Spielraum für kühne Manöver ist

Eines wird deutlich: Microsoft will bei Unternehmenssoftware so schnell wie möglich wachsen. Der Weg, vom Desktop über Software- Angebote für kleine und mittlere Firmen von unten in die Oberliga der Steuerungssysteme für Großunternehmen zu reifen, dauert Gates, Ballmer & Co. offenbar zu lang. Im Hintergrund steht ihre Furcht, dass das bei Unternehmenssoftware stark expandierende Betriebssystem Linux das Desktop-Monopol angreifen könnte, bevor Microsoft in der lukrativen - aber beratungsintensiven - Welt der Firmensysteme fest etabliert ist. Der geplante Zugriff auf SAP führte zu der Vereinbarung, Softwareangebote im Interesse der Kunden kompatibler zu machen. Dieser Mehrwert könnte am Ende höher sein als der einer komplexen und umstrittenen Fusion.

Abgesehen davon hat Microsoft in den vergangenen Monaten viel Gepäck abgeworfen. Klagen wurden systematisch ausgeräumt und selbst mit Erzfeinden wie Sun Microsystems Oracle wurde das Kriegsbeil begraben. Die Entscheidung der EU-Kartellwächter hätte schlimmer ausfallen können. Am Markt werden dem Einspruch gegen die EU-Entscheidung faire Chancen eingeräumt. Windows und Office produzieren weiter Milliardengewinne. Microsoft wird mehr Allianzen suchen, ihren Patent-Fundus ausschlachten, striktere Kostenkontrolle einführen und die Dividende erhöhen - sich also wie ein gereiftes Mitglied des Börsen-Establishments benehmen. Kurzum: Microsoft ist zur Kapitalanlage für Witwen und Waisen geworden.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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