Die Putin AG: Semantiker an Moskaus Börsen gefragt

Die Putin AG
Semantiker an Moskaus Börsen gefragt

Was hat er gesagt? Und vor allem: Wie hat er es gemeint? Wortlautvergleiche, Semantik und Glaubensbekenntnisse sind die neuen Maßeinheiten an Moskaus Börsen.

HB MOSKAU. Seit der Jahrespressekonferenz von Kremlchef Wladimir Putin vor mehr als 1000 in- und ausländischen Journalisten sind Moskauer Aktienanalysten damit beschäftigt, jeden Satz des Dreistundengesprächs zu sezieren.

Vergessen Sie BWLer! Als Analysten in Russland bracht man Slawisten und Semantiker! „Der Präsident hat gesagt, .... Daraus kann man den Schluss ziehen, dass ...“, deutet die Moskauer Investmentgesellschaft Aton Putins Phrasen.

Dass sich Sprachwissenschaft als Anlagestrategie im Kremlreich lohnt, hat der tiefe Fall des Ölkonzerns Yukos bewiesen: Wer blind auf Putins Aussage vertraute, der einstmals größte Ölförderer des Riesenreichs werde nicht in den Bankrott getrieben, hat viel Geld verloren. Und angesichts des sich in Russland ausbreitenden Staatskapitalismus hat Wladimir Milow, Präsident des Instituts für Energiepolitik, in den Archiven gestöbert und Sätze wie diesen entstaubt: „Unsere strategische Linie ist“, formulierte der Kremlherrscher in seiner Antrittsrede im Parlament, „weniger Administrierung und mehr freies Unternehmertum.“

Milow zieht daraus den Schluss: „Es gibt keinen Grund mehr, Putin zu glauben“, meint der Kreml-Insider zu den drastisch abnehmenden Freiheiten, den anhaltenden Verstaatlichungstendenzen und den wieder zunehmenden Auftragsmorden bei den immer heftiger werdenden Übernahmeschlachten um Firmen. Zu oft habe der Staatschef das eine gesagt und das andere gemacht. Milow steht mit seinen Zweifeln an der Wahrhaftigkeit Putins nicht allein. Sogar Sergej Suwerow, Analyst der dem staatlichen Gasgiganten gehörenden Gazprom-Bank, sagt: „Wir glauben Putin nicht. Die Wirtschaft des Landes wird nicht verstaatlicht, sondern unter die Aufsicht von Putin-Getreuen gestellt.“

Verwunderlicher noch als das schwindende Vertrauen in Putin ist die Reaktion der Börse: Kaum kommen Gerüchte auf, dass ein Unternehmen unter Staatskontrolle komme, preschen dessen Aktien in ungeahnte Höhen. Broker sprechen vom „wegfallenden Oligarchen-Risiko“. Denn sei die Regierung erst Eigentümer, könnten die Minderheitsaktionäre dann nicht mehr soviel Geld verlieren wie im Fall Yukos, das dem Oligarchen Michail Chodorkowskij gehört hatte.

Dass der Staat die übernommenen Unternehmen deutlich schlechter managt und die Gewinne dieser Firmen zurückgehen, nehmen Analysten und Anleger offenbar in Kauf. Das führt zu so absurden Situationen, dass der russische Autobauer UAZ kürzlich mit einem Börsenwert von zehn Mrd. Dollar fast so wertvoll war wie der weltgrößte Autokonzern General Motors. Dabei stellt UAZ gerade einmal 70 000 Fahrzeuge im Jahr her – und wir diese Geländewagen einmal gesehen hat, wird weder Autos noch Aktien wollen.

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