Die SCO Group jongliert mit den ganz Großen
Pokern um viel Geld

SCO Group schon mal gehört? Nein? Caldera? Tarantella? Auch nicht? Aber Unix, Linux, Novell, Sun Microsystems und IBM doch sicher. Sie alle sind in einem Pokerspiel um Software-Rechte miteinander verknäult, bei dem es um Milliarden Dollar geht und bei dem letztlich US-Gerichte über Sieger und Verlierer entscheiden werden. Ein paar Gewinner stehen aber schon fest. Es sind die Anleger, die im November vergangenen Jahres Aktien der SCO Group für 0,78 $ erwarben und dafür heute bereits 14 $ erlösen können.

PORTLAND. Und das könnte erst der Anfang sein. SCO verkündete jetzt, sie habe US-Urheberrechtsschutz für den Quellcode ihres Betriebssystems Unix System V erhalten. Das trieb den Aktienkurs nach oben, weil es die Position der Softwarefirma aus Lindon, Utah, in ihrer Milliardenklage gegen IBM stärken könnte. SCO behauptet, der Computerkonzern installiere Linux-Versionen, die unerlaubt geschützte Teile des Unix System V enthielten. SCO-Chef Darl McBride glaubt, nun die juristische Keule in der Hand zu haben, um IBM zu einem Vergleich und kommerzielle Nutzer von Linux zur Zahlung einer Lizenzgebühr zu zwingen. Bei mehr als 2,4 Mill. Linux-Servern könnte einiges mehr heraus springen, als die 35 Mill. $, die SCO in der ersten Jahreshälfte umsetzte, bevor sie sich auch noch aus dem Geschäft mit Linux-Software zurückzog.

Der Fall zerrt die esoterische Welt der Software-Entwicklung in die Löwenarena der amerikanischen Jurisprudenz: „SCO will die Linux-Nutzer ausnehmen“, wettert Eric Raymond von der Open Source Initiative, den Gralshütern einer freien Softwareentwicklung.

Ein kurzer Blick in die Geschichte mag erklären, worum es geht. Ende der 60er Jahre entwickelten Ingenieure der damals noch zum US-Telefonmonopol AT&T gehörenden Technologieschmiede Bell Laboratories ein Betriebssystem, das ihre Rechner miteinander verband. Es war hochleistungsfähig, aber bedienungsunfreundlich. Sie nannten es Unix, und weil es frei verfügbar war, entwickelten verschiedene Firmen daraus eigene, freundlichere Versionen zur kommerziellen Verwertung. IBM nannte ihre AIX, Sun Micro brachte Solaris heraus, und Wissenschaftler der Universität Berkeley entwickelten BSD. Linux ist ein Produkt der ursprünglich offenen Unix-Welt, in der Tausende von Technikern ohne Rücksicht auf kommerziellen Erfolg an einem Produkt arbeiten.

Als Folge der Aufspaltung des US-Telefonmonopols gliederte AT&T ihren Softwarebereich 1992 in ein Joint Venture mit Novell aus, genannt Unix Systems Laboratories. Ein Jahr später übernahm Novell den AT&T-Anteil mit der Absicht, ein Unix-Betriebssystem für Personalcomputer in Konkurrenz zu Microsoft zu entwickeln. Es verschlang viel Geld und scheiterte.

In Schwierigkeiten geraten, übertrug Novell die Markenrechte für das sozusagen rassenreine Unix an das Non-Profit-Konsortium X/Open und verkaufte die Verwertungsrechte 1995 an die Softwarefirma Santa Cruz Operation. Welche Rechte SCO tatsächlich von Novell erwarb, ist übrigens ebenfalls strittig und soll gerichtlich geklärt werden. Später wurde SCO erst Teil der Tarantella und dann von Caldera International. Die sah ihre Zukunft im Vertrieb von Linux-Software und nahm den in der Branche anerkannten Namen SCO Group an. Auf ihrem Höhepunkt im Jahre 2000 kostete die SCO-Aktie 132 $.

Die Frage ist jetzt, ob am Ende des juristischen Verwirrspiels SCO legitime Ansprüche geltend machen kann. IBM winkt bislang ab und ignoriert sogar die Kündigung des Lizenzvertrages für ihre AIX-Software durch SCO. Sowohl Microsoft als auch Sun sicherten sich vorsichtshalber Unix-Lizenzen von SCO, wobei Sun gleich noch das Recht erwarb, 210 000 SCO-Anteile zum Stückpreis von 1,83 $ zu kaufen.

SCO, die den Star-Anwalt David Boies verpflichtete, hielt den 1 500 größten Firmen der Welt in einem Brief bereits Zuckerbrot und Peit-sche hin. Die rechtlichen Folgen der Nutzung von „illegaler“ Linux-Software könnten durch Zahlung einer Lizenzgebühr vermieden werden, hieß es darin. Deren Höhe stünde noch nicht fest. Analysten halten es für möglich, dass ohne klares Signal von IBM vor allem große Firmen und Regierunsstellen zähneknirschend zahlen werden, um rechtliche Schatten über ihren teuren IT-Investitionen zu beseitigen.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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