Ein zu früher Börsenrückzug kostet viel Geld
Die Stimmung steigt

Die Aktienkurse legen zu, die Stimmung an den Börsen steigt. Seit dem Coup von Bundeskanzler Gerhard Schröder, im Herbst Neuwahlen anzustreben, hat sich der Wind an der Börse gedreht.

DÜSSELDORF. Deutschlands Anleger glauben wieder an höhere Kurse und sind investitionsbereit. Das belegen fast täglich neue Umfragen. Doch damit droht den Börsen ein Problem: Die gute Stimmung endet womöglich in Euphorie. Und sie war bislang noch immer der Anfang vom Ende eines Börsenaufschwungs. Aber: Genauso wie Anleger aufpassen müssen, den Börsenzug nicht zu spät zu verlassen, gilt es auch umgekehrt: Ein zu früher Absprung kostet auch viel Geld.

Nach tiefer Abneigung infolge der dramatischen Talfahrt bis zum Frühjahr 2003 machte sich abgesehen von einer raschen, aber kurzen Erholung, Lethargie breit. Anleger straften die Börse mit Desinteresse. Abzulesen war dies an sinkenden Aktionärszahlen, geringen Aktienumsätzen, extrem niedrigen Kursschwankungen und einem Auf-der-Stelle-Treten der Kurse. Langeweile pur. Die Grundstimmung blieb schlecht und stand unter dem Eindruck der dreijährigen Baisse, die dem Deutschen Aktienindex (Dax) fast 75 Prozent gekostet hatte. Kaum jemand wagte sich aufs Parkett zurück. Kleinste Kursrückgänge riefen Alpträume hervor, dass es neuerlich zum Absturz kommt. Selbst Rekordgewinne der Unternehmen im vergangenen Jahr und Aktienpreise, die gemessen an den Firmengewinnen so niedrig wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr waren, änderten daran nichts.

Erst die angestrebte Bundestagswahl und die damit verbundene Reformphantasie samt einem „Aufbruch-Gefühl“ brachte den Umschwung. Dieser wird zweifellos von einem guten Börsenumfeld begleitet: Aktien sind günstig bewertet, und angesichts extrem niedriger Zinsen gibt es kaum Alternativen. Hinzu kommt, dass deutsche Aktien gegenüber Titeln in den anderen Industrieländern Nachholbedarf haben. Es bedurfte also nur einen Stein des Anstoßes. Den haben die skeptischen Anleger nun bekommen. Wohlwollende Kommentare ausländischer Investmentbanken zu den Perspektiven deutscher Aktien untermauern die jüngste Kursrally.

Woche für Woche verringert der Dax nun seinen Rückstand gegenüber anderen großen Indizes. Noch auffälliger ist, dass sich die Stimmung deutlich verbessert hat. Verharrte das Lager der Börsen-Pessimisten bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai, als Schröder den Neuwahl-Coup verkündete, auf hohem Niveau, so stieg Ende Mai die Zahl der Optimisten sprunghaft an. Daran hat sich bis heute nichts verändert –nicht einmal nach den Anschlägen in London und der damit wieder ins Blickfeld gerückten Terrorgefahr.

Insgesamt wich eine miserable Stimmung einer moderat-optimistischen Zuversicht. Keineswegs lassen Anleger Euphorie erkennen. Davon hält sie nach wie vor die Börsentalfahrt bis vor zwei Jahren ab. Das belegen die neuen Vorlieben: Nicht Ideen von morgen und mögliche Highflyer der Zukunft erfreuen sich derzeit der Gunst, sondern Aktien all solcher Unternehmen, die ihre Gewinne als Dividenden ausschütten, anstatt sie in neue Technologien zu investieren. Diese Anlegerphilosophie verdeutlicht am besten den Unterschied zum Börsenaufschwung Ende der neunziger Jahre.

Solange die Unternehmen Rekordgewinne präsentieren und Aktien preiswert bleiben, steht einer Fortsetzung der gemäßigten Aufholjagd an der deutschen Börse wenig im Weg. Denn derzeit bezahlen Anleger Aktien im Dax durchschnittlich mit dem elffachen des erwarteten Jahresgewinns pro Anteilsschein. Wohlgemerkt, nachdem sich der Dax seit seinem Tief im März 2003 mehr als verdoppelt hat. Im Mittel der letzten 30 Jahre wurde knapp das fünfzehnfache bezahlt. Gemessen daran hat der Dax immer noch Luft für über 30 Prozent. Erst dann wäre er – zumindest historisch betrachtet – „fair“ bewertet. Doch es ist historisch auch üblich, dass Aktien nach einem Boom und einer anschließenden Talfahrt jahrelang unterbewertet bleiben.

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