Einbruch der US-Staatsanleihen könnte Chance sein
Antizyklisch kaufen

"Die Erholung ist endlich da“ – Mike Holland, Chef des Vermögensverwalters Holland & Co., klingt erleichtert. Und er ist nicht allein. Immer mehr Investoren und Anlageexperten an der Wall Street atmen auf.

HB NEW YORK. Jede neue Konjunkturzahl, die über den Erwartungen ausfällt, stärkt den Mut der Optimisten. Gestern bestätigte der unerwartet kräftige Anstieg der US-Einzelhandelsumsätze im Juli den positiven Trend. Nach monatelangem Zittern und Bangen um den schon oft verfrüht ausgerufenen Aufschwung hat „The Street“ – die breite Mehrheit der Wall-Street-Experten – endlich einen Konsens gefunden: Die Zeiten werden besser, und da kauft man Aktien und verkauft Anleihen.

Genau hier liegt eine Chance für risikobereite Investoren, die bereit sind, gegen den Strom zu schwimmen. Die Wette lautet: Anleihen kaufen, Aktien abstoßen. Denn wenn jeder sich für den Aufschwung positioniert hat, besteht kein Kurspotenzial mehr, wenn die Erholung tatsächlich eintrifft. Dagegen ist das Enttäuschungspotenzial hoch, falls sich der Aufschwung verzögert.

Eine Hand voll Experten sieht vor allem an den US-Anleihemärkten Chancen für unorthodoxe Anleger. Dort hat der neu erstarkte Konjunkturoptimismus zuletzt einen Ausverkauf ausgelöst. Im Gegensatz zu Aktien reagieren Anleihen negativ auf einen Wirtschaftsaufschwung. Die Anleihehändler vermuten, dass die US-Notenbank (Fed) angesichts der Konjunkturerholung die Leitzinsen nicht mehr lange auf dem aktuellen 45-Jahrestief von 1% belässt. Und die Aussicht auf steigende Zinsen ist Gift für Bonds, deren Kurse sich gegenläufig zur Rendite entwickeln. In den vergangenen Wochen sind Anleihezinsen stark gestiegen, um künftig erwartete Zinserhöhungen einzupreisen. Die Kurse brachen entsprechend ein.

Zwar betonte Fed-Chef Alan Greenspan am Dienstag erneut, dass die US-Leitzinsen „auf absehbare Zeit“ unten bleiben. „Aber die Märkte spekulieren bereits auf den nächsten Zinsschritt, und der dürfte nach heutiger Lage eher nach oben als nach unten gehen“, sagt Vermögensverwalter Holland.

Mit einer Rendite von fast 4,5% für zehnjährige Bonds und fast 5,4 % für 30jährige Papiere rentieren US-Staatsanleihen derzeit höher als deutsche Bundesanleihen, die 4,15 bzw. 4,9 % Rendite abwerfen. Die britisch-asiatische Großbank HSBC rät Anlegern, die gestiegenen US-Zinsen zum Einstieg zu nutzen. Auch Anleiheexperte Andy Bevan von der Investmentbank Goldman Sachs spricht von einer Kaufgelegenheit. Die reale Verzinsung erscheine bei einer aktuellen Inflationsrate um 1% in den USA attraktiv.

Ob die Wette auf das lange Ende der US-Zinskurve aufgeht? Das hängt kurzfristig von den Erwartungen der Investoren und langfristig vom Konjunkturtrend ab. „Auf kurze Sicht gleichen die Finanzmärkte eher einer Abstimmungsmaschine, auf lange Sicht entsprechen sie eher einem Wiegemechanismus“, sagt US-Starinvestor und Milliardär Warren Buffett. Soll heißen: Während Stimmungsschwankungen die täglichen Kursbewegungen bestimmen, obsiegen auf Dauer die fundamentalen Daten.

Der Zeitpunkt für eine antizyklische Strategie könnte jetzt günstig sein: Laut einer aktuellen Umfrage der Investmentbank Merrill Lynch (gestrige Handelsblattausgabe) haben Fondsmanager weltweit ihre Anleihebestände abgebaut und verstärkt in Aktien investiert. Schon eine kleine Überraschung kann eine Umleitung dieser milliardenschweren Geldflüsse auslösen.

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