EU-Kommission schockt Swedish-Match-Anleger
Beutelschneiderei

Wenn Politik und Business zusammentreffen, steigt meist eine Menge Rauch auf. Anleger tun gut daran, in diesen Fällen ganz besonders aufmerksam zu sein. Das bekamen die Investoren beim schwedischen Tabakkonzern Swedish Match deutlich zu spüren.

Der Reihe nach: Die Völkchen im hohen Norden haben schon seltsame Eigenarten: Ob Elchjagd oder Pimpelfischen, ob der Verzehr von verrottetem Fisch oder das genüssliche Hineinschieben von kleinen, mit Tabak gefüllten Portionsbeutelchen zwischen Oberlippe und Gaumen. Manch einer mag sich wundern, doch in Nordeuropa nimmt man so etwas sehr, sehr ernst. So ernst, dass Schwedens Politiker vor dem Beitritt ihres Landes in die Europäische Union 1995 sogar in Brüssel vorstellig wurden und für den „Snus“ genannten Mundtabak eine Ausnahmegenehmigung forderten. Erfolgreich konnten die Verhandler aus Stockholm die Brüsseler Eurokraten davon überzeugen, dass Snus zur schwedischen Tradition gehört wie das Smörgåsbord und insofern trotz Produktionsverbot in anderen EU-Ländern die Versorgung der schwedischen Bevölkerung sichern. So weit, so gut - zumindest für die rund 14 Prozent aller Schweden, die sich regelmäßig die kleinen Beutelchen in den Mund schieben.

Nicht erfolgreich waren die Unterhändler dagegen mit ihren Überzeugungsversuchen, dass Snus auch ein Heil für europäische Raucher weiter südlich sein könnte. Die EU blieb damals hart und belegte ein Exportverbot auf den ungewöhnlichen Tabak, obwohl die Ersatzdroge Snus offenbar weniger schädlich für den Anwender und ganz unschädlich für dessen Umgebung ist. Auch das Argument, dass der Snus-Genuss eine Form der Rauchentwöhnung ist, zog überhaupt nicht. Als Schweden 1995 der EU beitrat, galt für das Land also die EU-Richtlinie, die den Verkauf aller Tabakprodukte, die nicht zum Rauchen oder Kauen sind, verbot. Man wolle nicht noch zusätzlich ein weiteres Tabakprodukt auf den europäischen Markt bringen, war das Hauptargument. Mit geballter medizinischer Expertise wurde ein zweiter Vorstoß gewagt, die EU-Beamten von den Vorteilen des rauchfreien Tabaks zu überzeugen. Vor einer Woche kam aber ein ernüchterndes Urteil aus Brüssel: Der Generalanwalt empfahl nach langer Prüfung der Angelegenheit der EU-Kommission, das Exportverbot aufrechtzuerhalten.

In der Zentrale in Stockholm musste die Konzernleitung zusehen, wie der Aktienkurs an einem einzigen Tag um mehr als vier Prozent sackte. Da die EU-Kommission in 80 Prozent aller Fälle der Empfehlung des Generalanwalts folgt, scheint das EU-Schicksal des Snus besiegelt zu sein.

Die Swedish-Match-Anleger waren kurzzeitig schockiert, obwohl ihnen „ihr“ Unternehmen seit 2000 einen Kursgewinn von mehr als 150 Prozent bei ansonsten fallenden Börsen beschert hatte. Wie kann man ein Produkt, das nachweislich zumindest ungefährlicher als Zigaretten ist, in der EU verbieten, wenn man gleichzeitig weiterhin Subventionen an griechische Tabakbauern zahlt. Verstehe es, wer es will.

Für Swedish Match ist die vorläufige Entscheidung des Generalanwalts ein herber Rückschlag. Der Konzern macht rund 60 Prozent seines Umsatzes von etwa 1,4 Mrd. Euro mit dem Snus. Die hochgesteckten Expansionspläne kann Swedish Match getrost wieder zwischen Oberlippe und Zahnfleisch verschwinden lassen. Die neue Parole lautet: Konzentration auf den Heimatmarkt und die vielversprechenden Absatzregionen in Asien und den USA; immerhin sind schon drei Prozent der Amerikaner auf den Snus-Geschmack gekommen.

Und: Man hofft auf den neuen Trend in vielen Ländern, ein Rauchverbot in Restaurants zu erlassen. Eine Chance für Snus, sehen mittelfristig auch die meisten Analysten. Nach Irland und Norwegen wird Schweden im kommenden Jahr folgen, so will es die Regierung. Womit in diesem Fall bewiesen wäre, dass die Politik doch ihr Gutes hat.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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