Finanzmärkte neigen eher zu Übertreibungen als Gütermärkte
Die unvermeidlichen Börsen-Blasen

Wer vor 25 Jahren Volkswirtschaft studiert hat, wurde mit einem Haufen abstrakter Theorien überschüttet und behielt Fragen nach deren Realitätsbezug besser für sich. Dies hat sich gründlich geändert. Seit vielen Jahren gibt es innerhalb der Ökonomenzunft ein Spezialgebiet, das sich mit Experimenten beschäftigt. Dabei werden einzelne Mitspieler realistischen Situationen ausgesetzt, in denen sie echtes Geld verdienen können, wie der Volkswirtschaftler Bernard Ruffieux in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ schildert.

Das Ergebnis zahlreicher Experimente: Gütermärkte, bei denen Waren von Produzenten verkauft und von Konsumenten gekauft und verbraucht werden, funktionieren im Praxistest ganz ähnlich, wie die Theorie es verlangt. Die Teilnehmer verhalten sich ungefähr so rational wie der homo oeconomicus, der Modellmensch der Volkswirte.

Ganz anders hingegen ist das Ergebnis bei Finanzmärkten, auf denen die Teilnehmer abwechselnd als Käufer und Verkäufer auftreten und die Güter – etwa Aktien – nicht verbraucht werden. Diese Märkte verhalten sich im Experiment überhaupt nicht rational. Sondern es ergibt sich regelmäßig dasselbe Muster: Zunächst steigen die Preise weit über den – allen bekannten – fundamentalen Wert, um dann irgendwann plötzlich abzustürzen.

Dieses Phänomen lässt sich offenbar nicht verhindern. Experimente mit oder ohne Leerverkäufe (also mit oder ohne Hedge-Fonds in der realen Welt) zeigen ähnliche Verläufe. Auch dirigistische Eingriffe in den Markt oder die Erhebung einer Umsatzsteuer (ähnlich der viel diskutierten Tobin-Steuer auf Devisenumsätze) ändern das Grundmuster nicht: Es bilden sich Blasen, die anschließend platzen. Auf den ersten Blick bestätigen diese Experimente nur, was viele Anleger spätestens seit dem Aufstieg und Niedergang des Neuen Marktes ohnehin wissen: Die Börse ist irrational.

Auf den zweiten Blick sind die Experimente aber durchaus interessant. Zum einen zeigen sie, dass die Übertreibungen in der Regel nach oben stattfinden und nicht etwa nach unten. Zum anderen belegen sie, dass Geschichten wie die Tulpenzwiebel-Spekulation in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, der schwarze Freitag am Vorabend der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre oder eben der Neue Markt keine Aussetzer eines im Großen und Ganzen rationalen Marktgeschehens sind. Sondern der Mechanismus dieser Märkte schafft offenbar unfehlbar immer wieder Blasen.

Nimmt man die Erkenntnis Ernst, dass Finanzmärkte oft irrational reagieren, gerät ein Weltbild ins Wanken. Gehört es doch zu den Glaubensgrundsätzen des Kapitalismus, dass die Kapitalmärkte effektiv Kapital seiner rentabelsten Verwendung zuführen. Von dieser Überzeugung ist auch die These getragen, dass Märkte besser als Unternehmensvorstände Kapitalströme steuern können und Konzerne daher in Bestandteile mit einzelnen Kernkompetenzen zerlegt werden sollten.

Welche Erkenntnisse ergeben sich für Anleger? Wenn die Märkte insgesamt irrational reagieren, relativiert das den Wert von Kennziffern wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, die letztlich nur innerhalb des Marktes Vergleiche schaffen. Anleger müssen sich zudem noch deutlicher überlegen, was sie wollen. Geht es um eine langfristige Anlage, die das Platzen der nächsten Blase überdauert? Dann sollte sie nüchtern anhand des Kaufpreises und des plausibel zu erzielenden Ertrags beurteilt werden. Wichtig ist dabei eine hohe Ausschüttung. Anleger mit kurzfristigem Horizont sollten dagegen vor allem den Markt beobachten: In welchem Stadium befindet sich die Blase?

Wer beide Zeithorizonte vermischt, kauft möglicherweise einen fundamental guten Wert mit langfristiger Perspektive viel zu teuer ein, weil er im Vergleich zu anderen billig wirkt. Oder er verkauft wegen einer hohen Bewertung ein Papier, dass noch weitergelaufen wäre, weil der Markt gerade in Fahrt kam.

Fazit: Die Frage, welche Aktien man wann kaufen oder verkaufen soll, kann die Wissenschaft nicht beantworten. Aber sie hilft, Entscheidungen besser zu strukturieren.

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