Für VW-Aktionäre hellt sich der Himmel allmählich auf
Gelungener Coup

Schlechtes Timing kann man Bernd Pischetsrieder nicht vorwerfen. Pünktlich zur Hauptversammlung kündigte der VW-Chef am Donnerstag überraschend die Übernahme des Autoflotten-Spezialisten Leaseplan an und sammelte damit bei den zuletzt eher schlecht gestimmten Aktionären ein paar Pluspunkte.

DÜSSELDORF. Für nachhaltige Kursgewinne reichte die geplante Akquisition aber zunächst ebenso wenig wie die Nachricht, dass das arabische Emirat Abu Dhabi als zweitgrößter Anteilseigner bei dem Autobauer einsteigen will. Bereits am Freitag gaben VW-Aktien einen Teil ihrer Vortagesgewinne wieder ab. Nachdem die Titel seit Ende März gut zehn Prozent an Wert zugelegt haben, gewinnt bei den Anlegern jetzt wieder die Vorsicht die Oberhand. Denn der wichtigste Nerventest steht ihnen noch bevor, wenn VW am kommenden Freitag seine Quartalszahlen veröffentlicht. Dass diese „miserabel“ ausfallen werden, hat Pischetsrieder auf der Hauptversammlung noch einmal bestätigt. Was das konkret bedeutet, kann jedoch niemand sagen. Neue Rückschläge an der Börse sind zu befürchten.

Gut möglich ist jedoch, dass für Aktionäre damit das Schlimmste überstanden ist. Denn zuletzt hatte VW häufiger Positives zu berichten. Im März steigerten die Wolfsburger den Umsatz in Europa um mehr als elf Prozent. Wichtiger als diese – durch mehr Arbeitstage als 2003 ohnehin begünstigte – numerische Aussage ist jedoch, dass der Konzern seinen Marktanteil auf dem heimischen Kontinent im März steigerte. Dies ist zu einem Großteil auf den neuen Golf zurückzuführen, der – seit ihn VW mit kostenloser Klimaanlage anbietet – die Erwartungen endlich erfüllt. Aber auch andere Modelle wie der Polo oder der alternde Passat liegen in der Absatzstatistik weit vorne.

Und selbst auf dem problembeladenen nordamerikanischen Markt gibt es erste Lichtblicke. Durch den jüngsten Kursrutsch des Euros zum US-Dollar verringern sich automatisch die Verluste, die VW in den USA macht. Sollten sich die Währungsrelationen noch für einige Zeit auf dem aktuellen Niveau halten, dürften sich die schlimmsten Szenarien, die Experten für den amerikanischen Markt entworfen haben, nicht bewahrheiten. Je geringer wiederum der Verlust in den USA ausfällt, desto leichter wird es Vorstand Pischetsrieder fallen, das selbst gesteckte Ziel zu erreichen: Das operative Ergebnis des Vorjahres soll übertroffen werden.

Ob und in welchem Maße die neu erworbene Leaseplan im laufenden Jahr schon zum Ergebnis beitragen wird, ist zurzeit noch nicht abzusehen und auch unter Analysten umstritten. Unisono werten die Experten den Zukauf – so er den Segen der Kartellbehörden erhält – aber als sinnvolle Ergänzung, die der Finanzdienstleistungssparte des Konzerns in eine neue Dimension verhelfe.

Der eigentlich Clou an dem Zukauf ist aber die Zusammenarbeit mit Abu Dhabi, das später als Großaktionär bei VW einsteigen soll. Dies bringt Stabilität in den Aktionärskreis und erschwert damit eine feindliche Übernahme des Konzerns für den Fall, dass die EU-Kommission das so genannte VW-Gesetz irgendwann kippen sollte.

Für Anleger liefert der Einstieg der Araber noch ein weiteres Signal. Offenbar sind die Emiratis, die schon heute nach lukrativen Alternativen zum Öl-Geschäft suchen, von den langfristigen Perspektiven des VW-Konzerns überzeugt. Dass sie gerade jetzt einsteigen, ist keineswegs Zufall, sondern dürfte an der günstigen Bewertung von VW-Aktien liegen, die aktuell zum 8,5-fachen des für 2005 erwarteten Gewinnes gehandelt werden. Als Einstiegsmarke für langfristig orientierte Anleger dient dies allemal. Zocker hingegen sollten eher das Ende der Woche abwarten. Womöglich sind VW-Aktien am kommenden Freitag noch günstiger zu haben.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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